Donnerstag, 5. November 2026

ICH WAR'S NICHT...ODER EIN EINBLICK IN DAS NICHT IMMER HARMONISCHE ZUSAMMENLEBEN MIT MIR SELBST.

 


Ich habe ab und zu den Verdacht, dass in meinem Kopf mehrere Persönlichkeiten wohnen, die sich zwar eine gemeinsame Adresse teilen, ansonsten aber recht unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie man sein Leben gestalten sollte.

Da wäre zunächst die Vernünftige. Sie ist besonnen, natürlich gut organisiert und ausgesprochen bemüht, sämtliche Entscheidungen auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Sie erinnert mich daran, dass man nicht alles kommentieren, nicht jede Gelegenheit wahrnehmen und schon gar nicht jedem spontanen Gedanken sofort Taten folgen lassen sollte. Eine durchaus respektable Persönlichkeit, deren Ratschläge ich grundsätzlich zu schätzen weiß.

Dann gibt es mein Bauchgefühl. Es ist weniger geduldig, dafür aber mit einer bemerkenswerten Entschlossenheit ausgestattet. Es hält nicht viel von endlosen Überlegungen und vertritt gelegentlich die Ansicht, dass man manche Dinge einfach ausprobieren sollte, bevor die Vernunft sie mal wieder kaputtgedacht hat.

Und last but not least gibt es noch meine innere Stimme, die sich offenbar nie vollständig mit den Regeln des vernünftigen Zusammenlebens arrangiert hat. Sie ist neugierig, ein wenig eigensinnig und besitzt einen ausgesprochen feinen Sinn für Gelegenheiten, die man sich eigentlich besser ersparen sollte.

Zum Beispiel: Man geht mit der festen Absicht einkaufen, lediglich das Nötigste zu besorgen. Die Einkaufsliste ist übersichtlich, der Vorsatz eindeutig und die finanzielle Vernunft auch bestens informiert. Doch dann entdeckt man etwas, das man eigentlich überhaupt nicht braucht, das aber ausgesprochen hübsch, interessant oder einfach unwiderstehlich erscheint.
Die Vernunft meldet sich sofort: „Wir haben dafür wirklich keine Verwendung.“
Das Bauchgefühl erwidert: „Aber es ist doch so schön!“
Und die dritte, die innere Stimme flüstert mit geradezu entwaffnender Überzeugung: „Man lebt schließlich nur einmal.“

Was soll ich sagen? Nicht immer setzt sich die Vernunft durch. Und manchmal frage ich mich auf dem Heimweg, weshalb ich eigentlich überhaupt eine Einkaufsliste geschrieben habe.

Ähnlich verhält es sich mit guten Vorsätzen. Man nimmt sich vor, künftig gelassener auf gewisse Zeitgenossen zu reagieren, großzügig über kleine Unzulänglichkeiten hinwegzusehen und sich nicht mehr über Dinge aufzuregen, die im großen Zusammenhang des Lebens vermutlich nicht einmal eine Fußnote verdienen.

Ein durchaus vernünftiger Plan. Bis jemand einen Satz sagt, bei dem die innere Diplomatin ganz plötzlich ihre Tätigkeit einstellt und mein Gedankenapparat eine Erwiderung produziert, die an rhetorischer Schlagfertigkeit kaum zu überbieten ist. Selbstverständlich bleibt sie meistens unausgesprochen. Aber allein ihre gedankliche Ausarbeitung bereitet mir bisweilen ein gewisses Vergnügen.

Vielleicht ist das ja eine der angenehmen Begleiterscheinungen des Älterwerdens: Man kennt seine Schwächen inzwischen recht gut, hat die eine oder andere Erfahrung gesammelt und weiß ziemlich genau, wie man sich eigentlich verhalten sollte. Ob man es dann auch tut, ist eine ganz andere Angelegenheit.

Denn bei aller Lebenserfahrung möchte ich mir eine gewisse Spontanität bewahren. Ich möchte mich noch über unerwartete Begegnungen freuen, über absurde Situationen lachen und gelegentlich Dinge tun, die nicht unbedingt einem ausgeklügelten Lebenskonzept entspringen.

Es wäre doch ausgesprochen bedauerlich, wenn wir irgendwann so vernünftig, so angepasst und so perfekt organisiert wären, dass uns das Leben selbst nicht mehr überraschen könnte.

Vielleicht besteht wahre Gelassenheit auch gar nicht darin, jede Regung zu kontrollieren und sämtliche Unwägbarkeiten mit stoischer Miene hinzunehmen. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, sich selbst nicht ständig auf die Finger zu schauen, die eigenen kleinen Widersprüche mit Humor zu betrachten und zu akzeptieren, 
dass wir nun einmal keine durchgehend logisch funktionierenden Wesen sind...zumindest ich nicht.

Und so habe ich beschlossen, meine innere Stimmenvielfalt nicht länger als organisatorisches Problem zu betrachten. Die Vernunft darf weiterhin ihre Einwände vorbringen, das Bauchgefühl seine gelegentlich durchaus treffenden Einschätzungen beisteuern und die kleine Unruhestifterin darf hin und wieder für eine angenehme Überraschung sorgen.

Schließlich ist das Leben schon ernst genug. Da muss man nicht auch noch sich selbst zu jeder Tages- und Nachtzeit mit übertriebener Strenge begegnen.

Und sollte meine innere Stimme demnächst wieder einen Vorschlag machen, 
der bei nüchterner Betrachtung wenig sinnvoll erscheint, werde ich mir zumindest 
die Mühe machen, ihr zuzuhören.

Man muss ja nicht alles machen, was einem durch den Kopf geht. Aber man sollte auch nicht jeden Gedanken vorsorglich zum Schweigen bringen.

Ein bisschen Unvernunft ist schließlich kein Charakterfehler. 
Manchmal ist sie einfach eine ausgesprochen sympathische Form von Lebensfreude, oder?




 

 

 

 

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