Es gibt diese Momente im Leben, in denen man überzeugt ist:
Das bleibt jetzt so. Für immer.
Man hat große Pläne, geliebte Menschen und vertraute Gewohnheiten. Man richtet sich gemütlich ein in diesem Gefühl von Sicherheit. Und dann kommt das Leben daher und sagt: „Schön, dass wir kurz darüber gesprochen haben.“
Manchmal ist es ein Schicksalsschlag, der alles verändert.
Bei mir liegt dieser Schicksalsschlag schon sehr viele Jahre zurück. So lange, dass ich nur noch selten davon erzähle. Aber verschwunden ist er deshalb nicht.
Manche Erlebnisse werden mit der Zeit leiser. Sie stehen nicht mehr jeden Morgen vor der Tür. Aber sie wohnen irgendwo im Hintergrund weiter. Sie bestimmen nicht mehr mein Leben – aber sie haben mich geprägt.
Vielleicht ist mein Wunsch nach Harmonie deshalb so groß…und hat wahrscheinlich sogar zwei Wurzeln.
Einerseits bin ich in einem Zuhause groß geworden, in dem Liebe selbstverständlich war. Meine Eltern waren liebevoll miteinander, sie waren ein Team. Ich habe gelernt, dass man füreinander da ist und dass man sich gegenseitig trägt.
Auch meine erste Ehe hat mich geprägt. Mein verstorbener Mann war ein Mensch, der seine Liebe sowohl mir als auch anderen ganz selbstverständlich gezeigt hat. Ich musste nie daran zweifeln, welchen Platz ich in seinem Leben hatte. Er gehörte zu den Personen, die selbst an grauen Tagen noch einen Sonnenstrahl fanden.
Als ich ihn verlor, verlor ich nicht nur den Menschen, sondern auch dieses Gefühl von Selbstverständlichkeit.
Vielleicht wünsche ich mir deshalb bis heute so sehr, dass alle freundlich miteinander umgehen, dass man sich das Leben nicht unnötig schwer macht und Liebe ein Ort ist, an dem man durchatmen kann.
Ich glaube, seit damals bin ich tatsächlich ein bisschen harmoniesüchtig geworden. Nicht wirklich krankhaft, sagen wir eher…engagiert, auch im Zusammenleben.
Mein Lieblings-Apotheker und ich sprechen manchmal zwar dieselbe Sprache – und verstehen trotzdem unterschiedliche Dinge.
Ich sage zum Beispiel: „Wir müssten irgendwann mal den Keller aufräumen.“
Er hört: „Du meinst, dass ICH den Keller aufräumen soll.“
Dabei habe ich in meinem Kopf tatsächlich WIR gesagt. Mit Betonung auf WIR.
Oder ich überlege, wie wir etwas lösen könnten. Und plötzlich habe ich das Gefühl, mein harmloser und oft einfach nur laut ausgesprochener Gedanke ist unterwegs irgendwo zum Geisterfahrer geworden.
Manchmal frage ich mich auch, warum der Mann das Schöne im Leben so oft übersieht. Es gibt natürlich ständig alles Mögliche, worum man (und „frau“) sich kümmern muss. Die eigenen Kinder, älter werdende Eltern, ungelesene Mails, bergeweise Wäsche, das Haus mit seiner wirklich NIE endenden To-do-Liste. Und natürlich das Golf-Handicap - irgendwas ist eben immer! Und ich glaube, genau das ist das Leben…sonst wären wir wahrscheinlich tot.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir öfter auf das schauen, was gerade schön ist, dass nicht hinter jedem Satz ein Vorwurf vermutet wird und dass, was den Mann gerade ärgert, nicht automatisch zwischen uns Platz nimmt. Denn es ist kein Kampf, kein „Ich bin gegen Dich“, sondern ich bin auf Deiner Seite!
Früher - und auch jetzt noch manchmal - hat mich jede Verstimmung sofort beschäftigt. Ich hätte erklärt, beschwichtigt, relativiert und wahrscheinlich noch einen Kaffee gekocht. Als hätte ich heimlich und dauerhaft den Job der Stimmungsbeauftragten übernommen. Blöd nur, dass mich niemand dafür eingestellt hat.
Heute weiß ich, warum ich so reagiere.
Wenn man einmal erlebt hat, wie schnell das Leben aus den Fugen geraten kann, entwickelt man sehr feine Antennen, man spürt Spannungen früher.
Man möchte, dass es den Menschen um einen herum gut geht. Und manchmal versucht man sogar, Gefühle zu reparieren, die einem gar nicht gehören.
Ich versuche deshalb etwas Neues zu lernen: Nicht jedes Stirnrunzeln braucht meine Aufmerksamkeit, nicht jedes Missverständnis muss sofort aufgelöst werden und nicht jede schlechte Laune ist meine Verantwortung.
Manchmal frage ich mich auch, ob mein Blick auf das Leben einfach ein anderer ist. Nicht besser, einfach anders. Vielleicht, weil ich schon erlebt habe, wie schnell sich alles ändern kann.
Und dann frage ich mich: Wäre uns das alles denn genauso wichtig, wenn das Leben morgen plötzlich die Karten neu mischen würde?
Ich hoffe, wir müssen diese Antwort nie herausfinden.
Vielleicht reicht es schon, sich ab und zu daran zu erinnern, dass wir nicht wissen, wie viele ganz normale Dienstage uns noch geschenkt werden.
Irgendwann habe ich verstanden: Harmonie ist etwas Wunderschönes, aber sie ist nicht die Lösung für alles. Denn Liebe bedeutet nicht, dass zwei Menschen immer einer Meinung sind. Liebe bedeutet auch nicht, dass beide die Welt gleich sehen. Liebe bedeutet, sich immer wieder füreinander zu entscheiden…und zwar mit den unterschiedlichen Geschichten, die jeder mitbringt.
Mit all den Verletzungen, den Eigenarten und Missverständnissen.
Und manchmal reicht es schon, sich daran zu erinnern, dass der Mensch neben einem nicht der Gegner ist, sondern der, mit dem man das Leben verbringen wollte.
Und falls wir den Keller dieses Jahr doch noch aufräumen …
… dann hoffentlich gemeinsam.
So war das mit dem WIR nämlich von Anfang an gemeint.

