Mit
den Jahren merkt man: Das Leben besteht wirklich nicht nur aus großen Plänen,
sondern
aus den Menschen, die mitten drin sitzen, Wein mit Eiswürfeln oder spritzigen
Aperol nachbestellen und sagen „Erzähl doch bitte nochmal von vorne.“
Ich
habe im Laufe meines Lebens eine erstaunliche Zahl ganz wunderbarer Frauen kennengelernt: Loyale, laute, leise, starke, kluge, sensible, herzliche, einfühlsame,
kreative, glamouröse, chaotische, unabhängige, entschlossene, authentische, liebenswerte, großzügige, nachdenkliche, temperamentvolle, elegante, lebensfrohe, neugierige, selbstbewusste, tatkräftige, außergewöhnliche, faszinierende, bunte, einzigartige...
Und jede von ihnen hat ihren Platz in meinem Leben.
Manche seit Jahrzehnten, manche erst seit Kurzem, manche ganz nah, manche nur gelegentlich. Und wirklich jede hat etwas hinterlassen.
Da sind zum Beispiel meine Golden Girls, echte Herzensfrauen, mit ihnen ist nichts anstrengend.
Die Nachmittage beginnen meistens gesittet und enden in den Abendstunden damit, dass
fünf Frauen
gleichzeitig reden, niemand mehr weiß, worum es ursprünglich ging und
irgendwer ruft: „Nein!
So war das doch gar nicht!“
Wir lachen viel. Dieses echte, hemmungslose Lachen, bei dem einem die Tränen kommen und man kurz denkt: Gut, dass wir uns in unserem Alter nicht mehr für Würde interessieren müssen.
Und natürlich reden wir über alles...
Kinder, inzwischen auch Enkel, Männer, Eltern, Gesundheit, Politik, die Weltlage und
unsere Hautpflege.
Was
ich an diesen Treffen so sehr liebe: Wir
müssen nichts darstellen.
Keine
von uns muss die Souveräne spielen, die Dauerfröhliche oder die Frau, die ihr
Leben jederzeit perfekt im Griff hat. Das ist wirklich äußerst entspannend.
Denn
die Wahrheit ist doch: Die
meisten von uns improvisieren sich ziemlich erfolgreich
durchs turbulente Leben.
Meine
Golden Girls kennen meine Geschichte, nicht
die hübsch erzählte und optimierte
Version, sondern die echte. Sie
wissen, wann ich mutig war, wann ich nur laut war und
wann hinter einem „Alles
gut“ in Wahrheit ein kleiner emotionaler Flächenbrand tobte.
Freundinnen
merken so etwas.
Männer
brauchen dafür oft einen Hinweis, drei Beispiele und eine
PowerPoint-Präsentation.
Dann gibt es meine unverzichtbare Freundin, die damals noch um die Ecke wohnte, aber
seit langem schon in Hamburg lebt. Wir kennen uns aus Kindertagen, seit dem Kindergarten...allein dieser Satz fühlt sich inzwischen fast unglaublich an.
Die
Unsichere, die Überzeugte, die Verzweifelte, die Verliebte.
Alte
Freundschaften haben etwas zutiefst Beruhigendes, denn man muss rein gar nichts erklären. Man
steigt einfach wieder ein, als hätte das letzte Gespräch nicht vor Monaten, sondern vorgestern stattgefunden.
Und
irgendwo zwischen zwei Sätzen ist man plötzlich wieder zwölf.
Ein
paar meiner engsten Freundinnen stammen überhaupt noch aus der Schulzeit.
Wenn
ich darüber nachdenke, ist das eigentlich ein kleines Wunder und alles andere als selbstverständlich. Wir
kennen uns aus einer Zeit, bevor irgendjemand cool, reflektiert oder emotional
kompetent sein wollte. Damals
war man einfach jung, mit großen Gefühlen, kleinen Dramen, sehr fragwürdigen Frisuren und einer bemerkenswerten Fähigkeit, aus jeder
Kleinigkeit eine Lebenskrise zu machen.
Diese
Frauen kennen nicht nur mein heutiges Leben, sie kennen die Entstehungsgeschichte.
Sie
erinnern sich an Träume, von denen ich manche längst vergessen habe.
An
die Mädchen, die wir einmal waren.
Und
jedes Mal, wenn wir uns treffen, sitzen diese Mädchen noch mit am Tisch.
Etwas
älter, vielleicht etwas klüger und mit deutlich besseren Brillen.
Aber zum Glück immer noch da!
Und
dann gibt es diese eine Freundin, die irgendwie immer da war.
Weder täglich noch monatlich, nicht ständig, aber immer herzlich.
Man
verlor sich nie ganz aus den Augen.
Und
irgendwann stand ich in ihrem Secondhandladen und hatte sofort dieses Gefühl:
Wie schön, da bist du ja wieder!
Manche
Menschen begegnen einem nicht neu, man findet sie einfach wieder.
Und merkt dabei, dass etwas die ganze Zeit schon da war: Vertrautheit, Verbindung.
Seelenverwandtschaft
ist ein großes Wort, aber manchmal gibt es einfach kein passenderes.
Vielleicht
liegt es auch daran, dass wir beide Wassermänner sind, ein wenig eigenwillig,
ein bisschen kreativ und gedanklich selten auf gerader Strecke unterwegs.
Jedenfalls war schnell klar: Das Universum hatte hier offenbar noch etwas nachzuholen.
Und
wie wunderschön war es, vor ein paar Monaten sogar eine Lesung in ihrem Laden
machen zu dürfen. Zwischen Alltags-Geschichten, Vintage-Kleidung und verschiedensten Menschen entstand dieser besondere Zauber, der sich
nicht planen lässt.
Nicht zu vergessen ist meine "neuere" Damenrunde, ein ganz wunderbar bunter Kreis
unterschiedlichster Frauen.
Verschiedene
Berufe, facettenreiche Lebenswege, oft auch sehr individuelle Meinungen.
Und
genau deshalb wird es nie langweilig.
Es wird heftig diskutiert, hemmungslos gelacht, philosophiert und gelegentlich so engagiert
debattiert, als würde am Nachbartisch gerade eine politische Talkshow
aufgezeichnet.
Was
ich an dieser Runde so liebe: Sie
erinnert mich daran, dass das Leben nie fertig ist
und auch später noch neue Freundschaften entstehen können.
Dass
nicht alle wichtigen Menschen schon längst verteilt sind.
Schließlich gibt es noch unseren bunt zusammengewürfelten Frauenkreis, entstanden
über unsere Männer, die sich seit gefühlten Jahrhunderten kennen.
Diese Männerfreundschaften
faszinieren mich übrigens, sie können sich stundenlang treffen
und danach trotzdem nicht wissen, dass einer
gerade eine echte Lebenskrise hat.
Frauen
erkennen emotionale Erschütterungen oft schon daran, wie jemand „Hallo“ sagt.
Deshalb sind unsere
Treffen auch deutlich effizienter. Innerhalb
kürzester Zeit werden Beziehungen analysiert, Kinder besprochen, Krankheiten
diagnostiziert und mindestens drei Männer liebevoll kritisiert. Das
ist Multitasking auf höchstem Niveau.
Nicht zu vergessen auch unsere Stammtischrunde aus der Schulzeit.
Sobald
wir zusammensitzen, sind sie wieder da: Die
Mädchen von damals.
Die
Mutigen, die Unsicheren, die Lauten, die Albernen, die Schüchternen, die Verliebten.
Wir
lachen über Lehrer, die damals jünger waren als wir jetzt, über unvergessliche Klassenfahrten und legendäre Geschichten, die außerhalb dieser Runde
vermutlich
niemand lustig finden würde.
Aber
genau darin liegt ihre Magie, denn diese Frauen kennen mein Werden.
Zu guter Letzt all die wunderbaren Frauen, die vielleicht gar nicht zu den
engsten
Freundinnen zählen. Gute
Bekannte.
Frauen,
die man manchmal ewig nicht sieht und die trotzdem so guttun.
Man
begegnet sich zufällig oder verabredet sich endlich mal wieder.
Und
sofort ist da erneut eine wohltuende Wärme, keine Vorwürfe, keine Erwartungen,
kein schlechtes Gewissen, sondern ein ehrliches: „Wie
schön, Dich zu sehen!“
Ich liebe solche Begegnungen, weil sie zeigen, dass nicht jede wertvolle Verbindung ständig gepflegt werden muss. Manche Menschen begleiten einen in größeren Abständen durchs Leben. Und jedes Wiedersehen fühlt sich an wie ein kleines Geschenk.
Je
älter ich werde, desto mehr verstehe ich, was Freundinnen wirklich sind, nämlich viel
mehr als nette Begleiterinnen. Sie
sind Korrektiv, Resonanzraum und Sicherheitsnetz.
Sie
feiern mit mir, wenn etwas gelingt.
Sie
fangen mich auf, wenn etwas scheitert.
Sie
kennen meine Macken und Marotten, meine blinden Flecken und meine schönsten Seiten.
Sie
widersprechen, sie fordern mich heraus, manchmal
krachen wir auch aneinander.
Aber
echte Freundschaften dürfen das.
und all die kleinen und großen Umwege eines Lebens.
Sie erweitern unsere Vorstellung von Liebe.
Und
vielleicht ist genau das ihr größtes Geschenk: Dass
sie sich immer wieder und
trotz allem neu für uns entscheiden. Oder
vielleicht gerade deshalb.
Und
wenn ich heute auf die Frauen meines Lebens blicke, denke ich:
Was
für ein Reichtum!
Nicht
auf dem Konto, nicht im Kleiderschrank, sondern am Tisch.
Denn
dort sitzen sie alle...
Meine Golden Girls, meine kostbaren Freundinnen aus Kinder- und Schultagen,meine wiedergefundene Seelenverwandte, meine unterschiedlichen Frauenrunden, meine guten Bekannten.
All die besonderen Frauen, die meine Geschichte kennen.
Und die trotzdem immer wieder gerne Teil davon sind.
Gott sei Dank!

