Donnerstag, 27. August 2026

WAS BLEIBT, WENN DER SOMMER VORBEI IST?

 


 

Noch ist Sommer. Eigentlich.

Aber er beginnt schon, sich ein wenig rarzumachen. 
Die Abende werden kürzer, die Morgen kühler – und irgendwo in meinem Schrank wartet bereits die erste - natürlich neu gekaufte! - Jacke darauf, mich daran zu erinnern, dass das Leben auch ohne Sonnenbrille weitergeht.

Wenn ein Sommer sich verabschiedet, merkt man oft erst, wie 
viele kleine Geschichten sich in diesen Monaten angesammelt haben,
denn vielleicht sind es gar nicht die großen Ereignisse, die einen Sommer ausmachen, sondern die ganz unspektakulären Dinge, an die man sich 
später erstaunlich gut und gerne erinnert.

Zum Beispiel unsere Dusche im Garten. Dieses kleine bisschen Luxus, 
und die einfache Frage, warum man so eine wunderbare Außenbrause eigentlich nicht schon viele Sommer früher installiert hat. 
Barfuß über die Wiese, schnell abgeduscht, die Sonne auf der Haut – 
und für einen kurzen Moment fühlt sich das Leben ziemlich 
unkompliziert an.

Oder der erste Caffè Latte unter der gestreiften Markise auf der 
Holzterrasse am Morgen. Noch ein bisschen verschlafen, ungeschminkt, 
die Tasse in der Hand und eigentlich keinen Grund, schon irgendwo sein 
zu müssen. Ein paar Minuten, die nach nichts Besonderem aussehen 
und sich trotzdem genau danach anfühlen.

Und dann die lauen Abende mit dem Lieblings-Apotheker beim Italiener direkt um die Ecke. Keine große Planung, keine lange Anfahrt, kein 
„Was ziehen wir an?“. Einfach losgehen, einen Tisch finden, etwas 
Leckeres bestellen und irgendwann feststellen, dass aus dem
„Wir essen nur schnell was“ mal wieder ein ziemlich langer, mal feuchtfröhlicher oder nachdenklicher Abend geworden ist.

Vielleicht ist das Sommer überhaupt: 
Nicht ständig Urlaub zu haben, sondern dem Alltag einfach ein bisschen Urlaub unterzujubeln.

Und natürlich gab es auch die Tage, die etwas mehr nach Ausflug und Abenteuer aussahen, zum Beispiel der herrliche Ausflug in den 
Rheingau mit meinen "Golden Girls".
Mitte August, Mitte der Woche, Sommerwetter wie aus dem Bilderbuch, blauer Himmel, Sonne pur, fast schon zu heiss, malerische Weinberge, 
ein bisschen Wind und diese besondere Stimmung, die entsteht, wenn 
man mit Menschen unterwegs ist, bei denen ich nicht ständig überlegen muss, was ich sagen darf.

Wir haben wie immer, wenn wir uns sehen, viel geredet, um nicht zu 
sagen "philosophiert", herzhaft gelacht, lecker gegessen, ausgiebig und erfolgreich geshoppt und natürlich auch viel Zeit damit verbracht, 
darüber zu sprechen, was wir eigentlich schon längst einmal gemeinsam machen wollten...und hoffentlich auch noch werden.

Die zwei Tage im Rheingau waren keine dieser spektakulären Tage, 
von denen man später behauptet, sie hätten das eigene Leben verändert. 
Und genau deshalb waren sie so schön.
Einfach stundenlang zusammensitzen, andere Menschen beobachten, erzählen und lachen. Die Sonne genießen und sich über Dinge amüsieren, die wahrscheinlich niemand sonst lustig gefunden hätte.

Auch die Golftage mit Freunden am Bodensee, verbunden mit den Bregenzer Festspielen und einer herrlichen Aufführung von 
"La Traviata" im Sonnenuntergang gehören zu diesem Sommer 2026.
Eine ziemlich perfekte Kombination: Tagsüber ein bisschen sportlicher Ehrgeiz bei über 30 Grad im Schatten - wobei man beim Golf ja wunderbar so tun kann, als wäre jeder misslungene Schlag reine Taktik - und abends Kultur vor einer ganz besonderen Kulisse.

Dann Kitzbühel mit anderen Freunden und Andreas Gabalier. Wieder eine ganz andere Art von Sommer. Beeindruckende Berge, ausgelassene Musik, fröhliche Menschen und die Gelegenheit, das Leben einfach mal laufen zu lassen.

Und natürlich darf Amrum nicht fehlen. Gerade deshalb auch so schön, 
weil es gar nicht jedes Mal ein großes "Jetzt fahren wir in den Urlaub!" 
sein muss, sondern weil es für mich ein zweites Zuhause geworden ist. 
Endloses Meer, salziger Wind, unendliche Weite und dieses Gefühl, dass 
die Gedanken automatisch ein bisschen langsamer werden.

Im Juli ging es dann endlich auch mal wieder zu meiner Freundin nach Reinbek. Manchmal sind es eben nicht die spektakulärsten Orte, die einem besonders vertraut und lieb geworden sind. Es sind die Menschen, Plätze und Erinnerungen, ein bestimmtes Gefühl, das man nicht unbedingt erklären kann, aber sofort wiedererkennt, wenn man dort ist. 

Wenn ich das alles so betrachte, war dieser Sommer eigentlich sehr voll.
Voll mit schönen Begegnungen, besonderen Ausflügen, langen Gesprächen, guter Musik, Meer und Bergen, ein bisschen Golf, dem einen oder anderen Glas Wein und vielen Momenten, die einfach gut getan haben.

Solche Tage bleiben mir in ewiger Erinnerung.

Und dann gab es in diesem Sommer noch ein Ereignis, das alles 
andere ein wenig in den Schatten gestellt hat: 
Unser zweites Enkelkind, ein kleines Mädchen, wurde geboren.
Und plötzlich ist da wieder dieses Gefühl, das man eigentlich kaum 
erklären kann. Man sieht dieses zarte Wesen und weiß gleichzeitig, 
dass man es noch gar nicht kennt – und dass man es trotzdem schon unendlich liebhat.

Das Leben ist manchmal eben auch erstaunlich großzügig. 
Da kommt ein neuer Mensch in die Familie, kaum größer als ein kleines Bündel Glück, und plötzlich fühlt sich die Zukunft ein bisschen größer an.
Man wird Oma von einem weiteren süßen Mädchen und stellt fest: 
Das Herz hat offenbar noch Platz, viel mehr als man dachte.

Vielleicht sind es dann genau solche Dinge, die bleiben, wenn der 
Sommer vorbei ist. Eben nicht die perfekte Bräune, die bei mir ohnehin ungefähr so lange hält wie ein guter Vorsatz.
Nicht die vielen Fotos, obwohl man natürlich trotzdem viel zu viele davon gemacht hat. Nicht die Outfits, die man im Sommer unbedingt gebraucht 
hat und im Herbst plötzlich nicht mehr sehen kann.

Es bleiben die kleinen Geschichten...
Die eiskalte und so erfrischende Dusche im Garten, d
er duftende 
Caffè Latte auf der schattigen Terrasse, die langen Abende beim Italiener, der unvergessliche Ausflug in den Rheingau, das ausgelassene Lachen mit Freundinnen, die tiefgründigen Gespräche, die irgendwo zwischen 
schaumigem Espresso und leckerer Weinschorle mit Eiswürfeln und Zitronenscheibe entstanden sind.
Die immer noch so warmen Abende, die kleinen Augenblicke, in denen 
man einfach zufrieden war, ohne genau zu wissen, warum.
Und dieses kleine Mädchen, das in diesem Sommer in unser Leben 
gekommen ist.

Vielleicht ist das überhaupt das Schönste am Älterwerden:
Man sammelt nicht mehr nur Pläne, sondern vor allem Erinnerungen.

Man merkt, dass die wirklich wichtigen Dinge selten laut daherkommen. 
Sie sitzen
neben einem am Tisch, rufen an oder kommen zu Besuch und 
lachen mit einem. 

Und irgendwann sitzt man vielleicht wieder irgendwo 
- vielleicht im Rheingau -, die Sonne scheint, vor einem steht ein 
Glas Wein oder auch ein Aperol Spritz und jemand sagt: 
„Weißt du noch damals im Sommer …?“

Und genau dann merkt man: 
Der Sommer ist vielleicht vorbei, aber ganz verschwunden ist er nicht, 
denn er steckt in den Geschichten, die wir weitererzählen, in den Menschen, mit denen wir sie erlebt haben.

Und in all den kleinen Dingen, bei denen wir damals noch nicht wussten, 
dass wir uns später gern daran erinnern würden.

Der Herbst darf also ruhig kommen, ich bin bereit.
Na ja, fast...D
ie Schläppchen bleiben vorsichtshalber noch ein bisschen draußen.

 



Donnerstag, 9. Juli 2026

HARMONIE IST AUCH KEINE LÖSUNG.




Es gibt diese Momente im Leben, in denen man überzeugt ist:

Das bleibt jetzt so. Für immer.

Man hat große Pläne, geliebte Menschen und vertraute Gewohnheiten. Man richtet sich gemütlich ein in diesem Gefühl von Sicherheit. Und dann kommt das Leben daher und sagt: „Schön, dass wir kurz darüber gesprochen haben.

Manchmal ist es ein Schicksalsschlag, der alles verändert.

Bei mir liegt dieser Schicksalsschlag schon sehr viele Jahre zurück. So lange, dass ich nur noch selten davon erzähle. Aber verschwunden ist er deshalb nicht.

Manche Erlebnisse werden mit der Zeit leiser. Sie stehen nicht mehr jeden Morgen vor der Tür. Aber sie wohnen irgendwo im Hintergrund weiter. Sie bestimmen nicht mehr mein Leben – aber sie haben mich geprägt.

Vielleicht ist mein Wunsch nach Harmonie deshalb so groß…und hat wahrscheinlich sogar zwei Wurzeln.

Einerseits bin ich in einem Zuhause groß geworden, in dem Liebe selbstverständlich war. Meine Eltern waren liebevoll miteinander, sie waren ein Team. Ich habe gelernt, dass man füreinander da ist und dass man sich gegenseitig trägt.

Auch meine vorherige Ehe hat mich geprägt. Mein verstorbener Mann war ein Mensch, der seine Liebe sowohl mir als auch anderen ganz selbstverständlich gezeigt hat. Ich musste nie daran zweifeln, welchen Platz ich in seinem Leben hatte. Er gehörte zu den Personen, die selbst an grauen Tagen noch einen Sonnenstrahl fanden.

Als ich ihn verlor, verlor ich nicht nur den Menschen, sondern auch dieses Gefühl von Selbstverständlichkeit.

Vielleicht wünsche ich mir deshalb bis heute so sehr, dass alle freundlich miteinander umgehen, dass man sich das Leben nicht unnötig schwer macht und Liebe ein Ort ist, an dem man durchatmen kann.

Ich glaube, seit damals bin ich tatsächlich ein bisschen harmoniesüchtig geworden. Nicht wirklich krankhaft, sagen wir eher…engagiert, auch im Zusammenleben.

Mein Lieblings-Apotheker und ich sprechen manchmal zwar dieselbe Spracheund verstehen trotzdem unterschiedliche Dinge.

Ich sage zum Beispiel: „Wir müssten irgendwann mal den Keller aufräumen.“

Er hört: „Du meinst, dass ICH den Keller aufräumen soll.“

Dabei habe ich in meinem Kopf tatsächlich WIR gesagt. Mit Betonung auf WIR.

Oder ich überlege, wie wir etwas lösen könnten. Und plötzlich habe ich das Gefühl, mein harmloser und oft einfach nur laut ausgesprochener Gedanke ist unterwegs irgendwo zum Geisterfahrer geworden.

Manchmal frage ich mich auch, warum der Mann das Schöne im Leben so oft übersieht. Es gibt natürlich ständig alles Mögliche, worum man (und „frau“) sich kümmern muss. Die eigenen Kinder, älter werdende Eltern, ungelesene Mails, bergeweise Wäsche, das Haus mit seiner wirklich NIE endenden To-do-Liste. Und natürlich das Golf-Handicap - irgendwas ist eben immer! Und ich glaube, genau das ist das Leben…sonst wären wir wahrscheinlich tot.

Deshalb wünsche ich mir, dass wir öfter auf das schauen, was gerade schön ist, dass nicht hinter jedem Satz ein Vorwurf vermutet wird und dass, was den Mann gerade ärgert, nicht automatisch zwischen uns Platz nimmt. Denn es ist kein Kampf, kein „Ich bin gegen Dich“, sondern ich bin auf Deiner Seite!

Früher - und auch jetzt noch manchmal - hat mich jede Verstimmung sofort beschäftigt. Ich hätte erklärt, beschwichtigt, relativiert und wahrscheinlich noch einen Kaffee gekocht. Als hätte ich heimlich und dauerhaft den Job der Stimmungsbeauftragten übernommen. Blöd nur, dass mich niemand dafür eingestellt hat.

Heute weiß ich, warum ich so reagiere.

Wenn man einmal erlebt hat, wie schnell das Leben aus den Fugen geraten kann, entwickelt man sehr feine Antennen, man spürt Spannungen früher.

Man möchte, dass es den Menschen um einen herum gut geht. Und manchmal versucht man sogar, Gefühle zu reparieren, die einem gar nicht gehören.

Ich versuche deshalb etwas Neues zu lernen: Nicht jedes Stirnrunzeln braucht meine Aufmerksamkeit, nicht jedes Missverständnis muss sofort aufgelöst werden und nicht jede schlechte Laune ist meine Verantwortung.

Manchmal frage ich mich auch, ob mein Blick auf das Leben einfach ein anderer ist. Nicht besser, einfach anders. Vielleicht, weil ich schon erlebt habe, wie schnell sich alles ändern kann.

Und dann frage ich mich: Wäre uns das alles denn genauso wichtig, wenn das Leben morgen plötzlich die Karten neu mischen würde?

Ich hoffe, wir müssen diese Antwort nie herausfinden.

Vielleicht reicht es schon, sich ab und zu daran zu erinnern, dass wir nicht wissen, wie viele ganz normale Dienstage uns noch geschenkt werden.

Irgendwann habe ich verstanden: Harmonie ist etwas Wunderschönes, aber sie ist nicht die Lösung für alles. Denn Liebe bedeutet nicht, dass zwei Menschen immer einer Meinung sind. Liebe bedeutet auch nicht, dass beide die Welt gleich sehen. Liebe bedeutet, sich immer wieder füreinander zu entscheiden…und zwar mit den unterschiedlichen Geschichten, die jeder mitbringt.

Mit all den Verletzungen, den Eigenarten und Missverständnissen.

Und manchmal reicht es schon, sich daran zu erinnern, dass der Mensch neben einem nicht der Gegner ist, sondern der, mit dem man das Leben verbringen wollte.

Und falls wir den Keller dieses Jahr doch noch aufräumen …

… dann hoffentlich gemeinsam.

So war das mit dem WIR nämlich von Anfang an gemeint. 






Donnerstag, 11. Juni 2026

DIE FRAUEN MEINES LEBENS. GOTT SEI DANK.

 



 

Mit den Jahren merkt man: Das Leben besteht wirklich nicht nur aus großen Plänen,
sondern aus den Menschen, die mitten drin sitzen, Wein mit Eiswürfeln oder spritzigen 
Aperol nachbestellen und sagen „Erzähl doch bitte nochmal von vorne.“

Ich habe im Laufe meines Lebens eine erstaunliche Zahl ganz wunderbarer Frauen kennengelernt: Loyale, laute, leise, starke, kluge, sensible, herzliche, einfühlsame, 
kreative, glamouröse, chaotische, unabhängige, entschlossene, authentische, liebenswerte, großzügige, nachdenkliche, temperamentvolle, elegante, lebensfrohe, neugierige, selbstbewusste, tatkräftige, außergewöhnliche, faszinierende, bunte, einzigartige...

Und jede von ihnen hat ihren Platz in meinem Leben.

Manche seit Jahrzehnten, manche erst seit Kurzem, manche ganz nah, manche nur gelegentlich. Und wirklich jede hat etwas hinterlassen.

Da sind zum Beispiel meine Golden Girls, echte Herzensfrauen, mit ihnen ist nichts anstrengend.

Die Nachmittage beginnen meistens gesittet und enden in den Abendstunden damit, dass 
fünf Frauen gleichzeitig reden, niemand mehr weiß, worum es ursprünglich ging und 
irgendwer ruft: „Nein! So war das doch gar nicht!“

Wir lachen viel. Dieses echte, hemmungslose Lachen, bei dem einem die Tränen kommen und man kurz denkt: Gut, dass wir uns in unserem Alter nicht mehr für Würde interessieren müssen.

Und natürlich reden wir über alles...

Kinder, inzwischen auch Enkel, Männer, Eltern, Gesundheit, Politik, die Weltlage und 
unsere Hautpflege.

Was ich an diesen Treffen so sehr liebe: Wir müssen nichts darstellen.
Keine von uns muss die Souveräne spielen, die Dauerfröhliche oder die Frau, die ihr Leben jederzeit perfekt im Griff hat. Das ist wirklich äußerst entspannend.

Denn die Wahrheit ist doch: Die meisten von uns improvisieren sich ziemlich erfolgreich 
durchs turbulente Leben.

Meine Golden Girls kennen meine Geschichte, nicht die hübsch erzählte und optimierte 
Version, sondern die echte. Sie wissen, wann ich mutig war, wann ich nur laut war und 
wann hinter einem „Alles gut“ in Wahrheit ein kleiner emotionaler Flächenbrand tobte.
Freundinnen merken so etwas.
Männer brauchen dafür oft einen Hinweis, drei Beispiele und eine PowerPoint-Präsentation.

 

Dann gibt es meine unverzichtbare Freundin, die damals noch um die Ecke wohnte, aber 
seit langem schon in Hamburg lebt. Wir kennen uns aus Kindertagen, seit dem Kindergarten...allein dieser Satz fühlt sich inzwischen fast unglaublich an.

Sie kennt Versionen von mir, die längst verschwunden sind.

Die Unsichere, die Überzeugte, die Verzweifelte, die Verliebte.
Alte Freundschaften haben etwas zutiefst Beruhigendes, denn man muss rein gar nichts erklären. Man steigt einfach wieder ein, als hätte das letzte Gespräch nicht vor Monaten, sondern vorgestern stattgefunden.
Und irgendwo zwischen zwei Sätzen ist man plötzlich wieder zwölf.

Ein paar meiner engsten Freundinnen stammen überhaupt noch aus der Schulzeit.
Wenn ich darüber nachdenke, ist das eigentlich ein kleines Wunder und alles andere als selbstverständlich. Wir kennen uns aus einer Zeit, bevor irgendjemand cool, reflektiert oder emotional kompetent sein wollte. Damals war man einfach jung, mit großen Gefühlen, kleinen Dramen, sehr fragwürdigen Frisuren und 
einer bemerkenswerten Fähigkeit, aus jeder 
Kleinigkeit eine Lebenskrise zu machen.

Diese Frauen kennen nicht nur mein heutiges Leben, sie kennen die Entstehungsgeschichte.
Sie erinnern sich an Träume, von denen ich manche längst vergessen habe.
An die Mädchen, die wir einmal waren.
Und jedes Mal, wenn wir uns treffen, sitzen diese Mädchen noch mit am Tisch.
Etwas älter, vielleicht etwas klüger und mit deutlich 
besseren Brillen.

Aber zum Glück immer noch da!

 

Und dann gibt es diese eine Freundin, die irgendwie immer da war.
Weder täglich noch monatlich, nicht ständig, aber immer herzlich.
Man verlor sich nie ganz aus den Augen.
Und irgendwann stand ich in ihrem Secondhandladen und hatte sofort dieses Gefühl:
Wie schön, da bist du ja wieder!

Manche Menschen begegnen einem nicht neu, man findet sie einfach wieder.
Und merkt dabei, dass etwas die ganze Zeit schon da war: Vertrautheit, 
Verbindung.
Seelenverwandtschaft ist ein großes Wort, aber manchmal gibt es einfach kein passenderes.
Vielleicht liegt es auch daran, dass wir beide Wassermänner sind, ein wenig eigenwillig, 

ein bisschen kreativ und 
gedanklich selten auf gerader Strecke unterwegs.

Jedenfalls war schnell klar: Das Universum hatte hier offenbar noch etwas nachzuholen.

Und wie wunderschön war es, vor ein paar Monaten sogar eine Lesung in ihrem Laden 
machen zu dürfen. Zwischen Alltags-Geschichten, Vintage-Kleidung und verschiedensten Menschen entstand dieser besondere Zauber, der sich nicht planen lässt.


Nicht zu vergessen ist meine "neuere" Damenrunde, ein ganz wunderbar bunter Kreis 
unterschiedlichster Frauen.
Verschiedene Berufe, 
facettenreiche Lebenswege, oft auch sehr individuelle Meinungen.
Und genau deshalb wird es nie langweilig.
Es wird heftig diskutiert, hemmungslos gelacht, philosophiert und gelegentlich so engagiert debattiert, als würde am Nachbartisch gerade eine politische Talkshow aufgezeichnet.

Was ich an dieser Runde so liebe: Sie erinnert mich daran, dass das Leben nie fertig ist 
und auch später noch neue Freundschaften entstehen können.
Dass nicht alle wichtigen Menschen schon längst verteilt sind. 

 

Schließlich gibt es noch unseren bunt zusammengewürfelten Frauenkreis, entstanden 
über unsere Männer, die sich seit gefühlten Jahrhunderten kennen.

Diese Männerfreundschaften faszinieren mich übrigens, sie können sich stundenlang treffen 
und danach trotzdem nicht wissen, dass einer gerade eine echte Lebenskrise hat.

Frauen erkennen emotionale Erschütterungen oft schon daran, wie jemand „Hallo“ sagt.
Deshalb sind unsere Treffen auch deutlich effizienter. Innerhalb kürzester Zeit werden Beziehungen analysiert, Kinder besprochen, Krankheiten diagnostiziert und mindestens drei Männer liebevoll kritisiert. Das ist Multitasking auf höchstem Niveau.

 

Nicht zu vergessen auch unsere Stammtischrunde aus der Schulzeit.
Sobald wir zusammensitzen, sind sie wieder da: Die Mädchen von damals.
Die Mutigen, die Unsicheren, die Lauten, die Albernen, die Schüchternen, die Verliebten.

Wir lachen über Lehrer, die damals jünger waren als wir jetzt, über unvergessliche Klassenfahrten und legendäre Geschichten, die außerhalb dieser Runde vermutlich 
niemand lustig finden würde.
Aber genau darin liegt ihre Magie, denn diese Frauen kennen mein Werden.

 

Zu guter Letzt all die wunderbaren Frauen, die vielleicht gar nicht zu den engsten 
Freundinnen zählen. Gute Bekannte. 
Frauen, die man manchmal ewig nicht sieht und die trotzdem so guttun.
Man begegnet sich zufällig oder verabredet sich endlich mal wieder.
Und sofort ist da erneut eine wohltuende Wärme, keine Vorwürfe, keine Erwartungen, 
kein schlechtes Gewissen, sondern ein ehrliches: „Wie schön, Dich zu sehen!“

Ich liebe solche Begegnungen, weil sie zeigen, dass nicht jede wertvolle Verbindung ständig gepflegt werden muss. Manche Menschen begleiten einen in größeren Abständen durchs Leben. Und jedes Wiedersehen fühlt sich an wie ein kleines Geschenk.

 

Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich, was Freundinnen wirklich sind, nämlich viel 
mehr als nette Begleiterinnen. Sie sind Korrektiv, Resonanzraum und Sicherheitsnetz.
Sie feiern mit mir, wenn etwas gelingt.
Sie fangen mich auf, wenn etwas scheitert.
Sie kennen meine Macken und Marotten, meine blinden Flecken und meine schönsten Seiten.

Sie widersprechen, sie fordern mich heraus, manchmal krachen wir auch aneinander.
Aber echte Freundschaften dürfen das.

Wahre Freundinnen begleiten Beziehungen, Karrieren, Kinder, Neuanfänge, Abschiede 
und all die kleinen und großen Umwege eines Lebens.

Sie erweitern unsere Vorstellung von Liebe.

Und vielleicht ist genau das ihr größtes Geschenk: Dass sie sich immer wieder und 
trotz allem neu für uns entscheiden. Oder vielleicht gerade deshalb.

 

Und wenn ich heute auf die Frauen meines Lebens blicke, denke ich: 
Was für ein Reichtum!
Nicht auf dem Konto, nicht im Kleiderschrank, sondern am Tisch.
Denn dort sitzen sie alle...

Meine Golden Girls, meine kostbaren Freundinnen aus Kinder- und Schultagen,meine wiedergefundene Seelenverwandte, meine unterschiedlichen Frauenrunden, meine guten Bekannten.

All die besonderen Frauen, die meine Geschichte kennen.

Und die trotzdem immer wieder gerne Teil davon sind.

Gott sei Dank!