Eigentlich wollte ich heute über etwas ganz anderes schreiben:
Nämlich über meine erfreulich pannenfreie, unkomplizierte Anreise
mit der Deutschen Bahn nach Amrum. Eine Reise, bei der ausnahmsweise einmal alles funktioniert hat – kein verpasster Anschluss oder abenteuerliche Durchsagen und auch keine unfreiwillige Verlängerung des Aufenthalts an irgendeinem Bahnhof.
Kurz gesagt: Eine Geschichte mit Seltenheitswert und durchaus blogtauglichem Potenzial.
Doch dann kam mir ein anderer Gedanke dazwischen.
Einer, der sich nicht einfach beim morgendlichen Espresso mit einem freundlichen Schulterzucken verabschieden ließ, der schon länger in
meinem Kopf herumkreiste und sich offenbar ausgerechnet jetzt Gehör verschaffen wollte.
Es ging um Menschen, um Empathie und um diese manchmal erstaunliche Fähigkeit, die Gefühle anderer so konsequent zu übersehen, als wären sie unsichtbare Gepäckstücke, für die sich niemand zuständig fühlt.
Und plötzlich war meine Bahnfahrt nur noch Nebensache.
Denn während sich die eine Geschichte um eine unkomplizierte Reise drehte, führte mich die andere zu einer Frage, die wesentlich schwieriger
zu beantworten ist: Was passiert eigentlich, wenn Menschen im Laufe
ihres Lebens eine Art Hornhaut auf der Seele entwickeln?
Es gibt Menschen, bei denen scheint sich tatsächlich etwas verhärtet
zu haben. Nicht sichtbar oder tastbar, auch nicht medizinisch messbar –
und doch deutlich spürbar in der Art, wie sie mit den empfindlichen
Gefühlen anderer umgehen.
Die Hornhaut sitzt offenbar genau dort, wo eigentlich etwas durchdringen sollte: Auf der Seele!
Sie schützt nicht vor Reibung, sondern verhindert vielmehr, dass überhaupt noch etwas ankommt. Kein feines Zucken, kein erschrockenes Innehalten, kein Leises: „War das gerade vielleicht ein bisschen zu viel?“
Nur diese erstaunliche, beinahe unerschütterliche innere Sicherheit, mit der manche Menschen über die Gefühle anderer hinweggehen, als wären diese bloß lästige Unebenheiten im ohnehin schon so komplizierten Tagesablauf.
Sie sagen Dinge, die wehtun, und nennen das Ehrlichkeit.
Sie übergehen Gefühle und nennen es Sachlichkeit.
Sie hören zu, bis sie selbst an der Reihe sind, und halten das dann für ein tiefgründiges Gespräch. Man könnte auch sagen:
Sie warten nicht auf den Inhalt, sondern auf ihren Einsatz.
Und wenn jemand unter ihren Worten zusammenzuckt, dann kommt
ganz zuverlässig dieser Satz: „Jetzt stell Dich nicht so an, Du bist einfach
zu empfindlich!“
Ein zeitloser Klassiker und emotional ungefähr so nährstoffreich wie
Styropor – ähnlich schwer zu verdauen. Dieser Satz besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, gleichzeitig die Verletzung zu leugnen, die Verantwortung abzuschieben und dem getroffenen Menschen auch noch
das Gefühl zu geben, er sei furchtbar anstrengend…und überhaupt!
Eine rhetorische Meisterleistung, nur leider keine besonders menschliche.
Was mich an diesem Thema so beschäftigt, ist nicht die Tatsache, dass Menschen Fehler machen, denn das tun wir alle. Wir sind schließlich keine fertig programmierten Heiligen mit makelloser Kommunikation, eingebautem Mitgefühl und stabiler WLAN-Verbindung zum Herzen unserer Mitmenschen.
Wir sind manchmal hundemüde, ungeduldig, gereizt und erstaunlich überzeugt davon, im Recht zu sein. Wir reagieren zu schnell, hören nur halbherzig zu und formulieren gelegentlich Sätze, die im Kopf vernünftig klangen, ausgesprochen aber eher wie ein kleiner emotionaler Auffahrunfall wirken. Das ist natürlich menschlich.
Was mich aber nachdenklich macht, ist etwas anderes:
Die fehlende Neugier darauf, was das eigene Verhalten beim Gegenüber auslöst, dieses scheinbar mühelose Darüberhinweggehen und diese kühle Selbstverständlichkeit, mit der eine Verletzung kleingeredet,
eine Enttäuschung abgetan oder ein ernst gemeintes Gefühl mit einem gönnerhaften Schulterzucken quittiert wird.
Als wäre Mitgefühl eine freiwillige Zusatzleistung, die man bei Bedarf
buchen kann – allerdings nur, wenn gerade keine anderen wichtigeren Termine im Kalender stehen.
Dabei wäre es manchmal so einfach. Ein kurzer Moment des Innehaltens, ein aufmerksamer Blick, eine ehrliche Frage oder ein kleines inneres Bremsmanöver, bevor aus einem unbedachten Satz eine unnötige Verletzung wird.
Mehr braucht es manchmal gar nicht, um zu zeigen, dass einem ein
anderer Mensch nicht gleichgültig ist.
Aber genau dieses Innehalten scheint bei manchen Menschen irgendwo zwischen Selbstbehauptung, Alltagstrott und der unerschütterlichen Überzeugung, ohnehin alles richtig zu machen, verloren gegangen zu sein.
Natürlich ist nicht jede unbedachte Reaktion ein Zeichen von Empathielosigkeit. Menschen können überfordert, erschöpft, innerlich aufgewühlt oder so sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt sein, dass sie die Gefühle anderer vorübergehend nicht ausreichend wahrnehmen.
Vielleicht kreisen im Kopf bereits zehn Probleme, drei alte Konflikte und die unbeantwortete Mail von letzter Woche. Vielleicht fehlen die Kraft, die richtigen Worte oder schlicht die Fähigkeit, in einem schwierigen Moment angemessen zu reagieren.
Das kann erklären, warum jemand unachtsam handelt, macht aber die Verletzung nicht ungeschehen.
Entscheidend für mich ist aber, was danach geschieht.
Wird mal kurz die Luft angehalten? Wird zugehört? Kann jemand ehrlich sagen:
„Das wollte ich nicht, sorry, dass ich Dich verletzt habe“?
Oder wird die ganze Angelegenheit kurzerhand umgedreht, bis nicht mehr die verletzende Handlung im Mittelpunkt steht, sondern die angeblich übertriebene Empfindlichkeit desjenigen, der darunter leidet?
Zwischen diesen beiden Reaktionen liegt ein gewaltiger Unterschied.
Der eine Mensch versucht zu verstehen, der andere versucht, recht zu behalten.
Und Recht haben zu wollen, scheint momentan eine geradezu olympische Disziplin zu sein...mit beeindruckender Ausdauer, bemerkenswerter Argumentationskunst und einer erstaunlichen Bereitschaft, wirklich jedes Nebendetail zu analysieren – solange man sich nicht mit der eigentlichen Verletzung beschäftigen muss.
Unbeabsichtigt bedeutet schließlich nicht unwichtig, auch ein versehentlicher Tritt auf den Fuß tut weh. Normalerweise fragt man danach, ob alles in Ordnung ist, man entschuldigt und bemüht sich, es nicht gleich wieder zu tun. Jedenfalls diskutiert man nicht ernsthaft darüber, ob der Fuß vielleicht ein bisschen zu empfindlich reagiert hat.
Vielleicht beschäftigt mich das Thema auch deshalb so sehr, weil fehlendes Mitgefühl in Beziehungen eine andere Qualität bekommt. Es ist eine Sache, von einem fremden Menschen enttäuscht zu werden. Eine andere ist es, wenn die Gleichgültigkeit dort auftaucht, wo man Verständnis, Wärme und ein gewisses Maß an Geborgenheit erwarten würde.
In Familien zum Beispiel - in meiner zum Glück nicht!
Dort, wo Menschen unsere Geschichte, unsere Eigenheiten, unsere empfindlichen Stellen und unsere alten Narben kennen. Dort, wo Nähe eigentlich für ein tieferes Verständnis stehen sollte – und manchmal stattdessen nur die Treffsicherheit erhöht, mit der man einander verletzen kann. Man kennt schließlich die empfindlichen Stellen.
Und wer sie kennt, könnte vorsichtig sein.
Familien können liebevolle Zufluchtsorte, aber auch erstaunlich gut organisierte Trainingslager für emotionale Verdrängung sein. Man sitzt gemeinsam am Tisch, reicht sich das Brot und ignoriert dabei elegant die Tatsache, dass jemand innerlich gerade auseinanderfällt. Hauptsache, die Nudeln werden nicht kalt und niemand spricht über das, was wirklich los ist....Prost!
In manchen Familien gilt Harmonie als höchstes Gut.
Allerdings eine sehr spezielle Form von Harmonie: Alle schweigen,
niemand widerspricht, und die ungelösten Konflikte lagern ordentlich verpackt im Keller. Dort vermehren sie sich still und entwickeln mit den Jahren eine beeindruckende Größe.
Wer Gefühle anspricht, gilt als schwierig. Wer Grenzen setzt, als
empfindlich. Wer eine Verletzung zur Sprache bringt, stiftet angeblich Unfrieden in der Familie.
Es ist schon bemerkenswert, wie schnell ausgerechnet derjenige zum Problem erklärt wird, der ein Problem überhaupt erst zur Sprache bringt. Ganz so als wäre nicht die zerbrochene Vase das Malheur, sondern der Mensch, der auf die Scherben aufmerksam macht.
Und irgendwann stellt man sich vielleicht die leise, unangenehme Frage: Warum erwarte ich von Menschen, die mich seit Jahren kennen, manchmal weniger Verständnis als von Menschen, denen ich erst vor wenigen Stunden begegnet bin?
Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt, aber eine, die man
nicht einfach wegwischen sollte, denn Verwandtschaft ist zunächst eine Tatsache. Menschliche Verbundenheit dagegen ist etwas, das im Alltag immer wieder entstehen muss – durch Aufmerksamkeit, Respekt, ehrliches Interesse und die Bereitschaft, einander nicht nur auszuhalten, sondern tatsächlich wahrzunehmen. „Blutsverwandt“ ist nicht automatisch herzverbunden, so schlicht und so unbequem.
Besonders irritierend finde ich die Vorstellung, dass Klugheit und Empathie beinahe selbstverständlich zusammengehören müssten.
Wir bewundern Menschen, die messerscharf analysieren, brillante Argumente formulieren können und selbst in schwierigen Situationen den Überblick behalten.
Und dann erleben wir manchmal, wie dieselben Menschen an einer erstaunlich einfachen menschlichen Aufgabe scheitern…wahrzunehmen, dass ihr Gegenüber gerade verletzt ist.
Intelligenz und Empathie sind unterschiedliche Fähigkeiten. Die eine hilft uns, Probleme zu durchleuchten, die andere erinnert uns daran, dass Menschen keine Probleme sind, die man möglichst effizient analysieren, korrigieren oder in eine übersichtlichere Schublade sortieren muss.
Manchmal braucht ein Mensch eben keine Analyse, keine Gegenargumente und auch keine gut gemeinte Lebensweisheit mit Schleifchen. Manchmal braucht er nur jemanden, der sagt: „Ich sehe, dass Dich das verletzt hat.“
Das ist weder besonders kompliziert noch intellektuell anspruchsvoll, sondern einfach menschlich.
Und vielleicht ist genau das der Punkt: Mitgefühl verlangt nicht zwingend nach einem überdurchschnittlichen Verstand. Aber es verlangt nach der Bereitschaft, für einen Moment aus der persönlichen Perspektive herauszutreten und das eigene Denken nicht zum alleinigen Maßstab zu machen. Nicht automatisch davon auszugehen, dass die subjektive Wahrnehmung die einzig vernünftige ist, und auch nicht jeden fremden Schmerz als persönliche Kritik an der eigenen Großartigkeit zu interpretieren.
Man muss nicht alles nachempfinden können, um respektvoll damit umzugehen und man muss auch nicht jedes Gefühl teilen, um es ernst zu nehmen.
Es gibt Menschen, deren Verhalten lässt sich wunderbar erklären.
Mit ihrer Kindheit, ihren Erfahrungen, ihren Ängsten, ihrem Stress, ihren enttäuschten Erwartungen und den Verletzungen, die sie möglicherweise
nie richtig verarbeitet haben.
Wir Menschen sind schließlich keine unbeschriebenen Blätter. Wir bringen unsere Geschichten mit, unsere Prägungen, unsere Schutzmechanismen, unsere blinden Flecken und all die kleinen und großen Erfahrungen, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind.
Das muss man natürlich berücksichtigen, aber irgendwann kann aus dem "immer verstehen" eine merkwürdige Einbahnstraße werden.
Man erklärt das Verhalten des anderen und berücksichtigt seine Umstände. Man denkt an seine Vergangenheit, seine Sorgen und seine Schwierigkeiten, sucht nach verborgenen Gründen und nach möglichst vielen Perspektiven. Und während man das alles tut, bleibt die eigene Verletzung irgendwo am Straßenrand stehen und wartet.
Vielleicht ein bisschen länger als nötig, vielleicht aber auch schon seit Jahren.
Denn Verständnis ist etwas Wertvolles. Es sollte nur nicht dazu führen,
dass die eigenen Gefühle dauerhaft als weniger wichtig behandelt werden als die Schwierigkeiten anderer. Man kann schließlich Mitgefühl für die Geschichte eines Menschen haben und trotzdem sein Verhalten kritisieren.
Man kann nachvollziehen, warum jemand Schwierigkeiten mit Nähe hat,
und trotzdem Nähe vermissen.
Man kann die Unsicherheiten eines anderen verstehen und trotzdem darunter leiden, wie er mit einem umgeht.
Und man darf aufhören, jede Verletzung so lange psychologisch zu
sezieren, bis sie am Ende beinahe wie ein unvermeidliches Naturereignis aussieht.
Manchmal muss man nicht noch eine Erklärung finden, sondern einfach
mal anerkennen, dass etwas wehtut – und dass es so nicht weitergehen sollte. Verständnis ist nicht dasselbe wie Freispruch und eine schwierige Vergangenheit ist keine lebenslange Erlaubnis, die Gegenwart anderer Menschen unnötig schwer zu machen.
Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Verwunderung, Traurigkeit und gelegentlicher Fassungslosigkeit, die mich immer wieder über dieses
Thema nachdenken lässt.
Wie selbstverständlich manche Menschen mit den Gefühlen anderer umgehen, als wären diese nebensächlich. Wie wenig Aufmerksamkeit manchmal für das nötigste Maß an Rücksicht übrig zu sein scheint. Wie schnell ein ehrlicher Hinweis auf eine Verletzung abgewehrt wird, als hätte man dem anderen gerade einen persönlichen Angriff zugemutet.
Dabei geht es nicht um übertriebene Empfindlichkeit und auch nicht darum, dass jeder Satz sorgfältig verpackt und jede Meinungsverschiedenheit mit Samthandschuhen angefasst werden muss.
Das Leben ist nicht immer sanft. Menschen dürfen unterschiedlicher Meinung sein, Grenzen setzen, Kritik äußern und auch einmal unbequem sein. Aber zwischen Klarheit und Kälte liegt ein Unterschied, und zwischen Ehrlichkeit und Rücksichtslosigkeit auch.
Und zwischen einem Menschen, der sich gelegentlich ungeschickt verhält, und einem Menschen, der sich dauerhaft weigert, die Wirkung seines Verhaltens ernst zu nehmen, liegt mehr als eine kleine sprachliche Nuance.
Mich beschäftigt die Frage, warum es manchmal so schwerfällt, dem anderen einen kleinen Platz in der eigenen inneren Welt einzuräumen.
Warum ein aufrichtiges „Es tut mir leid“ für manche Menschen offenbar schwieriger
ist als eine halbstündige Verteidigungsrede.
Warum Zuhören gelegentlich als Schwäche missverstanden wird und emotionale Offenheit als lästiger Störfaktor.
Und warum ausgerechnet diejenigen, die um Verständnis bitten, nicht
selten am wenigsten bereit sind, es selbst aufzubringen.
Vielleicht haben manche Menschen nie gelernt, anders mit Gefühlen umzugehen. Vielleicht schützen sie sich vor der eigenen Verletzlichkeit, indem sie die Verletzlichkeit anderer kleinreden. Vielleicht ist ihnen schlicht nie bewusst geworden, wie viel ihre Worte und Handlungen bewirken können. Das alles ist möglich.
Aber ich wünsche mir, dass wir bei solchen Erklärungen nicht stehen bleiben.
Denn Menschlichkeit zeigt sich nicht nur darin, dass wir unsere eigenen Motive verstehen. Sie zeigt sich auch darin, dass wir bereit sind, unsere Wirkung auf andere zu hinterfragen, dass wir zuhören, wenn uns jemand etwas Unangenehmes sagt, dass wir Fehler zugeben können, ohne unser gesamtes Selbstbild in Gefahr zu sehen und dass wir uns gelegentlich fragen, ob wir vielleicht selbst gerade der Mensch sind, bei dem die seelische Hornhaut ein wenig zu dick geworden ist.
Ich glaube nicht, dass wir alle ständig einfühlsam, verständnisvoll und emotional vollkommen ausbalanciert durchs Leben gehen müssen. Das
wäre vermutlich schon deshalb unrealistisch, weil manche Tage bereits damit beginnen, dass der Kaffee kalt ist, der Bus wegfährt und die eigene Geduld noch gemütlich im Bett liegt.
Wir dürfen genervt sein, schweigen, Abstand brauchen und nicht immer die richtigen Worte finden, aber vielleicht könnten wir uns angewöhnen, etwas aufmerksamer miteinander umzugehen, etwas weniger vorschnell zu urteilen, etwas weniger eifrig die eigene Position zu verteidigen und etwas häufiger nachzufragen, statt sofort zu erklären, warum der andere eigentlich keinen Grund haben dürfte, sich so zu fühlen.
Vielleicht könnten wir aufhören, Empfindsamkeit grundsätzlich mit Schwäche zu verwechseln. Und vielleicht müssten wir nicht jedes offene Gefühl sofort reparieren, relativieren oder mit einem gut gemeinten Ratschlag versehen.
Manchmal genügt es, einfach da zu sein, ohne große Worte, ohne kluge Analyse, ohne den unwiderstehlichen Drang, aus jeder emotionalen Situation eine Debatte über die richtige Wahrnehmung zu machen, sondern einfach da zu sein und den anderen ernst zu nehmen.
Eine Entschuldigung verliert nicht an Würde, wenn man sie ausspricht, sondern gewinnt eher welche.
Vielleicht beginnt genau dort die vorsichtige Heilung von der seelischen Hornhaut: Bei kleinen, ehrlichen Momenten, bei einem Zuhören, das nicht sofort eine Antwort will, bei einer Entschuldigung, die nicht mit einem „aber“ bewaffnet ist und bei der Bereitschaft, die eigene Wirkung ernst zu nehmen, selbst wenn die eigene Absicht eine ganz andere war.
Ich wünsche mir mehr solcher Momente wie ehrliche Aufmerksamkeit,
innere Beweglichkeit, mehr Menschen, die nicht nur klug argumentieren, sondern auch bereit sind, sich berühren zu lassen. Mehr Familien, in denen Gefühle nicht als lästige Störung gelten, sondern als Teil des gemeinsamen Lebens, mehr Gespräche, in denen niemand gewinnen muss.
Und vor allem mehr Menschen, die verstanden haben, dass man nicht weniger stark wird, wenn man mitfühlend ist, sondern vielleicht sogar das Gegenteil.
Denn für eine Welt, die ohnehin schon genug harte Oberflächen, schroffe Worte und glänzend polierte Gleichgültigkeit besitzt, könnten wir uns wenigstens ein paar weichere Seelen leisten, ein paar Menschen, die noch innehalten, hinsehen, zuhören und die sich fragen, wie es dem anderen wirklich geht – und die eine ehrliche Antwort darauf auch aushalten.
Und vielleicht ist es gar nicht so sehr die Frage, wie wir die Menschen erreichen, deren Seele bereits eine dicke Hornhaut trägt.
Vielleicht beginnt es viel früher, bei uns selbst. Bei der Art, wie wir zuhören, wie wir sprechen und wie wir mit den empfindlichen Stellen anderer umgehen. Denn erzwingen können wir nicht, dass andere Menschen mitfühlender werden, aber wir können entscheiden, ob wir unsere eigene Menschlichkeit bewahren und wie viel Kälte wir in unserem Leben
dauerhaft dulden möchten.
Vielleicht muss nicht jede Seele härter werden, nur weil die Welt manchmal so hart ist, sondern vielleicht dürfen wir empfindsam bleiben, ohne uns für empfindlich zu halten.
Klar, ohne kalt zu werden, stark, ohne andere kleinzumachen und mitfühlend, ohne uns selbst dabei zu verlieren.
Das wäre doch schon ein ziemlich guter Anfang, oder?




