Ich bin nicht besonders gut in Dankbarkeit...Also theoretisch natürlich schon.
Ich weiß, dass man dankbar sein soll, für das Leben, die Menschen, die kleinen Dinge und die großen sowieso. Ich kenne eigentlich das Prinzip.
Praktisch
sieht es morgens allerdings oft ganz anders aus.
Ich öffne die Augen und denke nicht etwa: "Was für ein wunderbarer neuer Tag"! sondern eher: "Wie spät ist es? Warum klingelt der Wecker schon?
Und wieder so aggressiv??"
Meine
Dankbarkeit braucht offenbar gerade zu früher Stunde etwas Anlauf.
Und
vielleicht ist das ja ganz menschlich, denn wenn ich ehrlich bin, gibt es in meinem Leben ziemlich viel, wofür ich dankbar
sein könnte. Und trotzdem gelingt es mir erstaunlich gut, mich auf das zu
konzentrieren, was gerade nicht so läuft.
Das
ist schon eine gewisse Begabung.
Ich kann einen ganzen Tag haben, an dem eigentlich alles okay ist, und mich abends trotzdem genau an die eine Sache erinnern, die mich genervt oder verunsichert hat.
Man gewöhnt sich leider erstaunlich schnell an das Gute, an kleine Dinge, die eigentlich aber ziemlich besonders sind:
Ein gemütliches Zuhause, in dem wir uns wohlfühlen, wird irgendwann einfach die Wohnung. Ein
Mensch, der uns guttut, wird eines Tages selbstverständlich.
Und
dass morgens warmes Wasser aus der Dusche kommt, nehmen wir so lange
als
gegeben hin, bis plötzlich nichts mehr oder nur kalt kommt. Dann
stehen wir
da und bekommen innerhalb von drei Sekunden eine sehr persönliche
Lektion
in Demut.
Es
ist schon erstaunlich, wie schnell aus einem kleinen Luxus ein Grundrecht im
eigenen Kopf wird. Und ich glaube, so geht es uns mit vielem.
Was
gestern noch ein Lichtblick war, ist heute einfach normal.
Und vielleicht ist genau dieses „normal“ eines der gefährlichsten Worte für schöne Dinge, denn normal bedeutet nicht automatisch unwichtig. Es bedeutet nur, dass wir uns daran gewöhnt haben.
Ich merke es meistens erst dann, wenn etwas fehlt. Das
ist wahrscheinlich meine persönliche Schwachstelle, denn ich realisiere oft erst, wie wichtig mir etwas ist,
wenn es nicht mehr da ist.
Ein
Mensch fehlt plötzlich, der vertraute Alltag verändert sich.
Und dann denkt man an all die ganz normalen Momente zurück, die damals
überhaupt nicht besonders wirkten, wie ein gemeinsamer Abend, ein Gespräch,
das eigentlich gar kein großes Thema hatte oder ein
Lachen über irgendeinen Blödsinn.
Und
genau das ist es, was später fehlt, nicht unbedingt der große Moment, sondern dieses ganz gewöhnliche Zusammensein, das man damals gar nicht groß beachtet
hat.
Vielleicht,
weil wir bei schönen Dingen oft davon ausgehen, dass sie morgen einfach wieder da sind. Meistens und zum Glück stimmt das ja auch.
Dankbarkeit heißt für mich natürlich nicht, dass immer alles toll ist. Ich glaube nicht, dass man nur dankbar genug sein muss und schon sieht die Welt wieder rosarot aus.
Manchmal
ist ein Tag eben einfach blöd. Ab und zu ist man traurig oder enttäuscht.
Und hin und wieder möchte man von den positiven Gedanken ungefähr so viel wissen wie von der
Steuererklärung am Sonntagabend.
Dankbarkeit
bedeutet für mich auch nicht, dass ich alles gut finden oder ich mir schwierige Dinge schönreden muss. Ich
kann mich über etwas ärgern und trotzdem wissen, dass mein Leben insgesamt
ziemlich gut ist. Ich
kann jemanden vermissen und gleichzeitig dankbar sein, dass es diesen Menschen
überhaupt in meinem Leben gab. Ich
kann gerade nicht wissen, wie es weitergeht, und mir trotzdem darüber im Klaren sein, dass ich
schon einmal durch schwierige Zeiten gekommen bin.
Das
finde ich inzwischen ziemlich tröstlich.
Ich möchte nämlich eigentlich nicht damit anfangen, jeden Abend fünf Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar bin, denn ich kenne mich.
Nach ein paar Tagen würde ich wahrscheinlich nur noch schreiben:
1. Kaffee am Morgen
2. Heute hat niemand angerufen, der etwas von mir wollte
3. Mein Sundowner...ein Aperol Spritz
Vielleicht braucht Dankbarkeit auch gar kein System, sondern nur einen kurzen Moment, diesen einen Gedanken mitten im Alltag wie "Das hier ist gerade richtig schön"...und dann nicht sofort wieder weiterdenken und überlegen, was als Nächstes kommt. Nicht prüfen, was noch fehlt, sondern einfach kurz bleiben.
Denn irgendwann ist „ganz normal“ auch Vergangenheit!
Das
ist wahrscheinlich der Gedanke, der bei mir am meisten hängen bleibt:
Dass
wir so oft auf die besonderen Momente warten und dabei vergessen, dass unser
Leben zum größten Teil aus ganz normalen besteht.
Aus
Tagen, die wir kaum voneinander unterscheiden können, Gesprächen, die wir schon wieder vergessen haben, Abende, an denen nichts Besonderes passiert ist.
Und
vermutlich sind genau diese Tage irgendwann die, nach denen wir uns sehnen,
nicht weil sie spektakulär waren, sondern weil sie unser Leben waren.
Ich
glaube, ich möchte deshalb nicht unbedingt dankbarer sondern aufmerksamer werden, ein bisschen weniger selbstverständlich nehmen und öfter merken, wenn es
mir gerade gut geht. Und
vielleicht auch nicht sofort misstrauisch werden, nur weil gerade alles ruhig
ist. Das
wäre für den Anfang doch schon ziemlich viel.
Ich
werde mich wahrscheinlich trotzdem weiterhin über Kleinigkeiten aufregen.
Ich
werde nach wie vor manchmal einen vollkommen guten Tag haben und mich
auf genau
das konzentrieren, was nicht funktioniert. Und
ich werde vermutlich auch in Zukunft morgens nicht spontan vor Freude über das
Leben aus meinem Bett springen.
Man
muss sich ja schließlich treu bleiben...
Aber
vielleicht verweile ich morgen schon einen Moment länger in den Kissen und denke: Eigentlich ist alles ziemlich gut. Nicht alles, aber vieles.
Und
vor allem: Jetzt!
Möglicherweise ist Dankbarkeit genau das, nicht ständig glücklich zu sein, sondern
manchmal zu merken, dass man es gerade sein könnte.
Und
dann – ausnahmsweise – nicht sofort nach dem nächsten Problem zu suchen.
Ich übe noch...







