Mittwoch, 14. Oktober 2026

HORNHAUT AUF DER SEELE.


 

Eigentlich wollte ich heute über etwas ganz anderes schreiben: 
Nämlich über meine erfreulich pannenfreie, unkomplizierte Anreise 
mit der Deutschen Bahn nach Amrum. Eine Reise, bei der ausnahmsweise einmal alles funktioniert hat – kein verpasster Anschluss oder  abenteuerliche Durchsagen und auch keine unfreiwillige Verlängerung des Aufenthalts an irgendeinem Bahnhof. 
Kurz gesagt:
 Eine Geschichte mit Seltenheitswert und durchaus blogtauglichem Potenzial.

Doch dann kam mir ein anderer Gedanke dazwischen.
Einer, der sich nicht einfach beim morgendlichen Espresso mit einem freundlichen Schulterzucken verabschieden ließ, der schon länger in 
meinem Kopf herumkreiste und sich offenbar ausgerechnet jetzt Gehör verschaffen wollte.

Es ging um Menschen, um Empathie und um diese manchmal erstaunliche Fähigkeit, die Gefühle anderer so konsequent zu übersehen, als wären sie unsichtbare Gepäckstücke, für die sich niemand zuständig fühlt.

Und plötzlich war meine Bahnfahrt nur noch Nebensache.

Denn während sich die eine Geschichte um eine unkomplizierte Reise drehte, führte mich die andere zu einer Frage, die wesentlich schwieriger 
zu beantworten ist: Was passiert eigentlich, wenn Menschen im Laufe 
ihres Lebens eine Art Hornhaut auf der Seele entwickeln?

Es gibt Menschen, bei denen scheint sich tatsächlich etwas verhärtet 
zu haben. Nicht sichtbar oder tastbar, auch nicht medizinisch messbar – 
und doch deutlich spürbar in der Art, wie sie mit den empfindlichen 
Gefühlen anderer umgehen.

Die Hornhaut sitzt offenbar genau dort, wo eigentlich etwas durchdringen sollte: Auf der Seele!

Sie schützt nicht vor Reibung, sondern verhindert vielmehr, dass überhaupt noch etwas ankommt. Kein feines Zucken, kein erschrockenes Innehalten, kein Leises: „War das gerade vielleicht ein bisschen zu viel?“ 
Nur diese erstaunliche, beinahe unerschütterliche innere Sicherheit, mit der manche Menschen über die Gefühle anderer hinweggehen, als wären diese bloß lästige Unebenheiten im ohnehin schon so komplizierten Tagesablauf.

Sie sagen Dinge, die wehtun, und nennen das Ehrlichkeit. 
Sie übergehen Gefühle und nennen es Sachlichkeit. 
Sie hören zu, bis sie selbst an der Reihe sind, und halten das dann für ein tiefgründiges Gespräch. Man könnte auch sagen: 
Sie warten nicht auf den Inhalt, sondern auf ihren Einsatz.

Und wenn jemand unter ihren Worten zusammenzuckt, dann kommt 
ganz zuverlässig dieser Satz: „Jetzt stell Dich nicht so an, Du bist einfach 
zu empfindlich!“

Ein zeitloser Klassiker und emotional ungefähr so nährstoffreich wie 
Styropor – ähnlich schwer zu verdauen. Dieser Satz besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, gleichzeitig die Verletzung zu leugnen, die Verantwortung abzuschieben und dem getroffenen Menschen auch noch 
das Gefühl zu geben, er sei furchtbar anstrengend…und überhaupt!

Eine rhetorische Meisterleistung, nur leider keine besonders menschliche.

Was mich an diesem Thema so beschäftigt, ist nicht die Tatsache, dass Menschen Fehler machen, denn das tun wir alle. Wir sind schließlich keine fertig programmierten Heiligen mit makelloser Kommunikation, eingebautem Mitgefühl und stabiler WLAN-Verbindung zum Herzen unserer Mitmenschen.

Wir sind manchmal hundemüde, ungeduldig, gereizt und erstaunlich überzeugt davon, im Recht zu sein. Wir reagieren zu schnell, hören nur halbherzig zu und formulieren gelegentlich Sätze, die im Kopf vernünftig klangen, ausgesprochen aber eher wie ein kleiner emotionaler Auffahrunfall wirken. Das ist natürlich menschlich.

Was mich aber nachdenklich macht, ist etwas anderes: 
Die fehlende Neugier darauf, was das eigene Verhalten beim Gegenüber auslöst, dieses scheinbar mühelose Darüberhinweggehen und diese kühle Selbstverständlichkeit, mit der eine Verletzung kleingeredet, 
eine Enttäuschung abgetan oder ein ernst gemeintes Gefühl mit einem gönnerhaften Schulterzucken quittiert wird.
Als wäre Mitgefühl eine freiwillige Zusatzleistung, die man bei Bedarf 
buchen kann – allerdings nur, wenn gerade keine anderen wichtigeren Termine im Kalender stehen.

Dabei wäre es manchmal so einfach. Ein kurzer Moment des Innehaltens, ein aufmerksamer Blick, eine ehrliche Frage oder ein kleines inneres Bremsmanöver, bevor aus einem unbedachten Satz eine unnötige Verletzung wird.
Mehr braucht es manchmal gar nicht, um zu zeigen, dass einem ein 
anderer Mensch nicht gleichgültig ist.

Aber genau dieses Innehalten scheint bei manchen Menschen irgendwo zwischen Selbstbehauptung, Alltagstrott und der unerschütterlichen Überzeugung, ohnehin alles richtig zu machen, verloren gegangen zu sein.

Natürlich ist nicht jede unbedachte Reaktion ein Zeichen von Empathielosigkeit. Menschen können überfordert, erschöpft, innerlich aufgewühlt oder so sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt sein, dass sie die Gefühle anderer vorübergehend nicht ausreichend wahrnehmen.

Vielleicht kreisen im Kopf bereits zehn Probleme, drei alte Konflikte und die unbeantwortete Mail von letzter Woche. Vielleicht fehlen die Kraft, die richtigen Worte oder schlicht die Fähigkeit, in einem schwierigen Moment angemessen zu reagieren.
Das kann erklären, warum jemand unachtsam handelt, macht aber die Verletzung nicht ungeschehen.

Entscheidend für mich ist aber, was danach geschieht. 
Wird mal kurz die Luft angehalten? Wird zugehört? Kann jemand ehrlich sagen: 
„Das wollte ich nicht, sorry, dass ich Dich verletzt habe“?

Oder wird die ganze Angelegenheit kurzerhand umgedreht, bis nicht mehr die verletzende Handlung im Mittelpunkt steht, sondern die angeblich übertriebene Empfindlichkeit desjenigen, der darunter leidet?

Zwischen diesen beiden Reaktionen liegt ein gewaltiger Unterschied.
Der eine Mensch versucht zu verstehen, der andere versucht, recht zu behalten.

Und Recht haben zu wollen, scheint momentan eine geradezu olympische Disziplin zu sein...mit beeindruckender Ausdauer, bemerkenswerter Argumentationskunst und einer erstaunlichen Bereitschaft, wirklich jedes Nebendetail zu analysieren – solange man sich nicht mit der eigentlichen Verletzung beschäftigen muss.

Unbeabsichtigt bedeutet schließlich nicht unwichtig, auch ein versehentlicher Tritt auf den Fuß tut weh. Normalerweise fragt man danach, ob alles in Ordnung ist, man entschuldigt und bemüht sich, es nicht gleich wieder zu tun. Jedenfalls diskutiert man nicht ernsthaft darüber, ob der Fuß vielleicht ein bisschen zu empfindlich reagiert hat.

Vielleicht beschäftigt mich das Thema auch deshalb so sehr, weil fehlendes Mitgefühl in Beziehungen eine andere Qualität bekommt. Es ist eine Sache, von einem fremden Menschen enttäuscht zu werden. Eine andere ist es, wenn die Gleichgültigkeit dort auftaucht, wo man Verständnis, Wärme und ein gewisses Maß an Geborgenheit erwarten würde.

In Familien zum Beispiel - in meiner zum Glück nicht!
Dort, wo Menschen unsere Geschichte, unsere Eigenheiten, unsere empfindlichen Stellen und unsere alten Narben kennen. Dort, wo Nähe eigentlich für ein tieferes Verständnis stehen sollte – und manchmal stattdessen nur die Treffsicherheit erhöht, mit der man einander verletzen kann. Man kennt schließlich die empfindlichen Stellen. 

Und wer sie kennt, könnte vorsichtig sein.

Familien können liebevolle Zufluchtsorte, aber auch erstaunlich gut organisierte Trainingslager für emotionale Verdrängung sein. Man sitzt gemeinsam am Tisch, reicht sich das Brot und ignoriert dabei elegant die Tatsache, dass jemand innerlich gerade auseinanderfällt. Hauptsache, die Nudeln werden nicht kalt und niemand spricht über das, was wirklich los ist....Prost!

In manchen Familien gilt Harmonie als höchstes Gut. 
Allerdings eine sehr spezielle Form von Harmonie: Alle schweigen, 
niemand widerspricht, und die ungelösten Konflikte lagern ordentlich verpackt im Keller. Dort vermehren sie sich still und entwickeln mit den Jahren eine beeindruckende Größe.

Wer Gefühle anspricht, gilt als schwierig. Wer Grenzen setzt, als 
empfindlich. Wer eine Verletzung zur Sprache bringt, stiftet angeblich Unfrieden in der Familie.

Es ist schon bemerkenswert, wie schnell ausgerechnet derjenige zum Problem erklärt wird, der ein Problem überhaupt erst zur Sprache bringt. Ganz so als wäre nicht die zerbrochene Vase das Malheur, sondern der Mensch, der auf die Scherben aufmerksam macht.

Und irgendwann stellt man sich vielleicht die leise, unangenehme Frage: Warum erwarte ich von Menschen, die mich seit Jahren kennen, manchmal weniger Verständnis als von Menschen, denen ich erst vor wenigen Stunden begegnet bin?

Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt, aber eine, die man 
nicht einfach wegwischen sollte, denn Verwandtschaft ist zunächst eine Tatsache. Menschliche Verbundenheit dagegen ist etwas, das im Alltag immer wieder entstehen muss – durch Aufmerksamkeit, Respekt, ehrliches Interesse und die Bereitschaft, einander nicht nur auszuhalten, sondern tatsächlich wahrzunehmen. „Blutsverwandt“ ist nicht automatisch herzverbunden, 
so schlicht und so unbequem.

Besonders irritierend finde ich die Vorstellung, dass Klugheit und Empathie beinahe selbstverständlich zusammengehören müssten.
Wir bewundern Menschen, die messerscharf analysieren, brillante Argumente formulieren können und selbst in schwierigen Situationen den Überblick behalten.
Und dann erleben wir manchmal, wie dieselben Menschen an einer erstaunlich einfachen menschlichen Aufgabe scheitern…wahrzunehmen, dass ihr Gegenüber gerade verletzt ist.

Intelligenz und Empathie sind unterschiedliche Fähigkeiten. Die eine hilft uns, Probleme zu durchleuchten, die andere erinnert uns daran, dass Menschen keine Probleme sind, die man möglichst effizient analysieren, korrigieren oder in eine übersichtlichere Schublade sortieren muss.

Manchmal braucht ein Mensch eben keine Analyse, keine Gegenargumente und auch keine gut gemeinte Lebensweisheit mit Schleifchen. Manchmal braucht er nur jemanden, der sagt: „Ich sehe, dass Dich das verletzt hat.“
Das ist weder besonders kompliziert noch intellektuell anspruchsvoll, sondern 
einfach menschlich.

Und vielleicht ist genau das der Punkt: Mitgefühl verlangt nicht zwingend nach einem überdurchschnittlichen Verstand. Aber es verlangt nach der Bereitschaft, für einen Moment aus der persönlichen Perspektive herauszutreten und das eigene Denken nicht zum alleinigen Maßstab zu machen. Nicht automatisch davon auszugehen, dass die subjektive Wahrnehmung die einzig vernünftige ist, und auch nicht jeden fremden Schmerz als persönliche Kritik an der eigenen Großartigkeit zu interpretieren.
Man muss nicht alles nachempfinden können, um respektvoll damit umzugehen und man muss auch nicht jedes Gefühl teilen, um es ernst zu nehmen. 

Es gibt Menschen, deren Verhalten lässt sich wunderbar erklären. 
Mit ihrer Kindheit, ihren Erfahrungen, ihren Ängsten, ihrem Stress, ihren enttäuschten Erwartungen und den Verletzungen, die sie möglicherweise 
nie richtig verarbeitet haben.

Wir Menschen sind schließlich keine unbeschriebenen Blätter. Wir bringen unsere Geschichten mit, unsere Prägungen, unsere Schutzmechanismen, unsere blinden Flecken und all die kleinen und großen Erfahrungen, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind.
Das muss man natürlich berücksichtigen, aber irgendwann kann aus dem "immer verstehen" eine merkwürdige Einbahnstraße werden.
Man erklärt das Verhalten des anderen und berücksichtigt seine Umstände. Man denkt an seine Vergangenheit, seine Sorgen und seine Schwierigkeiten, sucht nach verborgenen Gründen und nach möglichst vielen Perspektiven. Und während man das alles tut, bleibt die eigene Verletzung irgendwo am Straßenrand stehen und wartet.
Vielleicht ein bisschen länger als nötig, vielleicht aber auch schon seit Jahren.

Denn Verständnis ist etwas Wertvolles. Es sollte nur nicht dazu führen, 
dass die eigenen Gefühle dauerhaft als weniger wichtig behandelt werden als die Schwierigkeiten anderer. Man kann schließlich Mitgefühl für die Geschichte eines Menschen haben und trotzdem sein Verhalten kritisieren.
Man kann nachvollziehen, warum jemand Schwierigkeiten mit Nähe hat, 
und trotzdem Nähe vermissen.
Man kann die Unsicherheiten eines anderen verstehen und trotzdem darunter leiden, wie er mit einem umgeht.
Und man darf aufhören, jede Verletzung so lange psychologisch zu 
sezieren, bis sie am Ende beinahe wie ein unvermeidliches Naturereignis aussieht.

Manchmal muss man nicht noch eine Erklärung finden, sondern einfach 
mal anerkennen, dass etwas wehtut – und dass es so nicht weitergehen sollte. Verständnis ist nicht dasselbe wie Freispruch und eine schwierige Vergangenheit ist keine lebenslange Erlaubnis, die Gegenwart anderer Menschen unnötig schwer zu machen.

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Verwunderung, Traurigkeit und gelegentlicher Fassungslosigkeit, die mich immer wieder über dieses 
Thema nachdenken lässt.

Wie selbstverständlich manche Menschen mit den Gefühlen anderer umgehen, als wären diese nebensächlich. Wie wenig Aufmerksamkeit manchmal für das nötigste Maß an Rücksicht übrig zu sein scheint. Wie schnell ein ehrlicher Hinweis auf eine Verletzung abgewehrt wird, als hätte man dem anderen gerade einen persönlichen Angriff zugemutet.
Dabei geht es nicht um übertriebene Empfindlichkeit und auch nicht darum, dass jeder Satz sorgfältig verpackt und jede Meinungsverschiedenheit mit Samthandschuhen angefasst werden muss.

Das Leben ist nicht immer sanft. Menschen dürfen unterschiedlicher Meinung sein, Grenzen setzen, Kritik äußern und auch einmal unbequem sein. Aber zwischen Klarheit und Kälte liegt ein Unterschied, und zwischen Ehrlichkeit und Rücksichtslosigkeit auch.

Und zwischen einem Menschen, der sich gelegentlich ungeschickt verhält, und einem Menschen, der sich dauerhaft weigert, die Wirkung seines Verhaltens ernst zu nehmen, liegt mehr als eine kleine sprachliche Nuance.

Mich beschäftigt die Frage, warum es manchmal so schwerfällt, dem anderen einen kleinen Platz in der eigenen inneren Welt einzuräumen.
Warum ein aufrichtiges „Es tut mir leid“ für manche Menschen offenbar schwieriger 
ist als eine halbstündige Verteidigungsrede.
Warum Zuhören gelegentlich als Schwäche missverstanden wird und emotionale Offenheit als lästiger Störfaktor.
Und warum ausgerechnet diejenigen, die um Verständnis bitten, nicht 
selten am wenigsten bereit sind, es selbst aufzubringen.

Vielleicht haben manche Menschen nie gelernt, anders mit Gefühlen umzugehen. Vielleicht schützen sie sich vor der eigenen Verletzlichkeit, indem sie die Verletzlichkeit anderer kleinreden. Vielleicht ist ihnen schlicht nie bewusst geworden, wie viel ihre Worte und Handlungen bewirken können. Das alles ist möglich.
Aber ich wünsche mir, dass wir bei solchen Erklärungen nicht stehen bleiben.

Denn Menschlichkeit zeigt sich nicht nur darin, dass wir unsere eigenen Motive verstehen. Sie zeigt sich auch darin, dass wir bereit sind, unsere Wirkung auf andere zu hinterfragen, dass wir zuhören, wenn uns jemand etwas Unangenehmes sagt, dass wir Fehler zugeben können, ohne unser gesamtes Selbstbild in Gefahr zu sehen und dass wir uns gelegentlich fragen, ob wir vielleicht selbst gerade der Mensch sind, bei dem die seelische Hornhaut ein wenig zu dick geworden ist.

Ich glaube nicht, dass wir alle ständig einfühlsam, verständnisvoll und emotional vollkommen ausbalanciert durchs Leben gehen müssen. Das 
wäre vermutlich schon deshalb unrealistisch, weil manche Tage bereits damit beginnen, dass der Kaffee kalt ist, der Bus wegfährt und die eigene Geduld noch gemütlich im Bett liegt.

Wir dürfen genervt sein, schweigen, Abstand brauchen und nicht immer die richtigen Worte finden, aber vielleicht könnten wir uns angewöhnen, etwas aufmerksamer miteinander umzugehen, etwas weniger vorschnell zu urteilen, etwas weniger eifrig die eigene Position zu verteidigen und etwas häufiger nachzufragen, statt sofort zu erklären, warum der andere eigentlich keinen Grund haben dürfte, sich so zu fühlen.

Vielleicht könnten wir aufhören, Empfindsamkeit grundsätzlich mit Schwäche zu verwechseln. Und vielleicht müssten wir nicht jedes offene Gefühl sofort reparieren, relativieren oder mit einem gut gemeinten Ratschlag versehen.

Manchmal genügt es, einfach da zu sein, ohne große Worte, ohne kluge Analyse, ohne den unwiderstehlichen Drang, aus jeder emotionalen Situation eine Debatte über die richtige Wahrnehmung zu machen, sondern einfach da zu sein und den anderen ernst zu nehmen.
Eine Entschuldigung verliert nicht an Würde, wenn man sie ausspricht, sondern gewinnt eher welche.

Vielleicht beginnt genau dort die vorsichtige Heilung von der seelischen Hornhaut: Bei kleinen, ehrlichen Momenten, bei einem Zuhören, das nicht sofort eine Antwort will, bei einer Entschuldigung, die nicht mit einem „aber“ bewaffnet ist und bei der Bereitschaft, die eigene Wirkung ernst zu nehmen, selbst wenn die eigene Absicht eine ganz andere war.

Ich wünsche mir mehr solcher Momente wie ehrliche Aufmerksamkeit, 
innere Beweglichkeit, mehr Menschen, die nicht nur klug argumentieren, sondern auch bereit sind, sich berühren zu lassen. Mehr Familien, in denen Gefühle nicht als lästige Störung gelten, sondern als Teil des gemeinsamen Lebens, mehr Gespräche, in denen niemand gewinnen muss.
Und vor allem mehr Menschen, die verstanden haben, dass man nicht weniger stark wird, wenn man mitfühlend ist, sondern vielleicht sogar das Gegenteil.

Denn für eine Welt, die ohnehin schon genug harte Oberflächen, schroffe Worte und glänzend polierte Gleichgültigkeit besitzt, könnten wir uns wenigstens ein paar weichere Seelen leisten, ein paar Menschen, die noch innehalten, hinsehen, zuhören und die sich fragen, wie es dem anderen wirklich geht – und die eine ehrliche Antwort darauf auch aushalten.

Und vielleicht ist es gar nicht so sehr die Frage, wie wir die Menschen erreichen, deren Seele bereits eine dicke Hornhaut trägt.

Vielleicht beginnt es viel früher, bei uns selbst. Bei der Art, wie wir zuhören, wie wir sprechen und wie wir mit den empfindlichen Stellen anderer umgehen. Denn erzwingen können wir nicht, dass andere Menschen mitfühlender werden, aber wir können entscheiden, ob wir unsere eigene Menschlichkeit bewahren und wie viel Kälte wir in unserem Leben 
dauerhaft dulden möchten.
Vielleicht muss nicht jede Seele härter werden, nur weil die Welt manchmal so hart ist, sondern vielleicht dürfen wir empfindsam bleiben, ohne uns für empfindlich zu halten.
Klar, ohne kalt zu werden, stark, ohne andere kleinzumachen und mitfühlend, ohne uns selbst dabei zu verlieren.

Das wäre doch schon ein ziemlich guter Anfang, oder?










Donnerstag, 24. September 2026

DANKBARKEIT. ICH ÜBE NOCH.

 

 

Ich bin nicht besonders gut in Dankbarkeit...Also theoretisch natürlich schon.

Ich weiß, dass man dankbar sein soll, für das Leben, die Menschen, die kleinen Dinge und die großen sowieso. Ich kenne eigentlich das Prinzip.

Praktisch sieht es morgens allerdings oft ganz anders aus.
Ich öffne die Augen und denke nicht etwa: "Was für ein wunderbarer neuer Tag"! sondern eher: "Wie spät ist es? Warum klingelt der Wecker schon? 
Und wieder so aggressiv??"
Meine Dankbarkeit braucht offenbar gerade zu früher Stunde etwas Anlauf.

Und vielleicht ist das ja ganz menschlich, denn wenn ich ehrlich bin, gibt es in meinem Leben ziemlich viel, wofür ich dankbar sein könnte. Und trotzdem gelingt es mir erstaunlich gut, mich auf das zu konzentrieren, was gerade nicht so läuft. 
Das ist schon eine gewisse Begabung.

Ich kann einen ganzen Tag haben, an dem eigentlich alles okay ist, und mich abends trotzdem genau an die eine Sache erinnern, die mich genervt oder verunsichert hat.

Man gewöhnt sich leider erstaunlich schnell an das Gute, an kleine Dinge, die eigentlich aber ziemlich besonders sind:
Ein gemütliches Zuhause, in dem wir uns wohlfühlen, wird irgendwann einfach die Wohnung. Ein Mensch, der uns guttut, wird eines Tages selbstverständlich. 
Und dass morgens warmes Wasser aus der Dusche kommt, nehmen wir so lange 
als gegeben hin, bis plötzlich nichts mehr oder nur kalt kommt. Dann stehen wir 
da und bekommen innerhalb von drei Sekunden eine sehr persönliche Lektion 
in Demut.

Es ist schon erstaunlich, wie schnell aus einem kleinen Luxus ein Grundrecht im eigenen Kopf wird. Und ich glaube, so geht es uns mit vielem.
Was gestern noch ein Lichtblick war, ist heute einfach normal.

Und vielleicht ist genau dieses „normal“ eines der gefährlichsten Worte für schöne Dinge, denn normal bedeutet nicht automatisch unwichtig. Es bedeutet nur, dass wir uns daran gewöhnt haben.

Ich merke es meistens erst dann, wenn etwas fehlt. Das ist wahrscheinlich meine persönliche Schwachstelle, denn ich realisiere oft erst, wie wichtig mir etwas ist, 
wenn es nicht mehr da ist.

Ein Mensch fehlt plötzlich, der vertraute Alltag verändert sich.
Und dann denkt man an all die ganz normalen Momente zurück, die damals überhaupt nicht besonders wirkten, wie ein gemeinsamer Abend, ein Gespräch, 
das eigentlich gar kein großes Thema hatte oder ein Lachen über irgendeinen Blödsinn.

Und genau das ist es, was später fehlt, nicht unbedingt der große Moment, sondern dieses ganz gewöhnliche Zusammensein, das man damals gar nicht groß beachtet hat.
Vielleicht, weil wir bei schönen Dingen oft davon ausgehen, dass sie morgen einfach wieder da sind. Meistens und zum Glück stimmt das ja auch.

Dankbarkeit heißt für mich natürlich nicht, dass immer alles toll ist. Ich glaube nicht, dass man nur dankbar genug sein muss und schon sieht die Welt wieder rosarot aus.

Manchmal ist ein Tag eben einfach blöd. Ab und zu ist man traurig oder enttäuscht.
Und hin und wieder möchte man von den positiven Gedanken ungefähr so viel wissen wie von der Steuererklärung am Sonntagabend.

Dankbarkeit bedeutet für mich auch nicht, dass ich alles gut finden oder ich mir schwierige Dinge schönreden muss. Ich kann mich über etwas ärgern und trotzdem wissen, dass mein Leben insgesamt ziemlich gut ist. Ich kann jemanden vermissen und gleichzeitig dankbar sein, dass es diesen Menschen überhaupt in meinem Leben gab. Ich kann gerade nicht wissen, wie es weitergeht, und mir trotzdem darüber im Klaren sein, dass ich schon einmal durch schwierige Zeiten gekommen bin.
Das finde ich inzwischen ziemlich tröstlich.

Vielleicht geht es bei Dankbarkeit auch gar nicht ums Danken, sondern eher ums Bemerken. Einfach darum, nicht alles, was gut ist, sofort als selbstverständlich abzuhaken und wirklich da zu sein, statt gedanklich schon wieder drei Schritte weiter.

Ich möchte nämlich eigentlich nicht damit anfangen, jeden Abend fünf Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar bin, denn ich kenne mich.

Nach ein paar Tagen würde ich wahrscheinlich nur noch schreiben:

1. Kaffee am Morgen

2. Heute hat niemand angerufen, der etwas von mir wollte

3. Mein Sundowner...ein Aperol Spritz 

Vielleicht braucht Dankbarkeit auch gar kein System, sondern nur einen kurzen Moment, diesen einen Gedanken mitten im Alltag wie "Das hier ist gerade richtig schön"...und dann nicht sofort wieder weiterdenken und überlegen, was als Nächstes kommt. Nicht prüfen, was noch fehlt, sondern einfach kurz bleiben.

Denn irgendwann ist „ganz normal“ auch Vergangenheit!

Das ist wahrscheinlich der Gedanke, der bei mir am meisten hängen bleibt:
Dass wir so oft auf die besonderen Momente warten und dabei vergessen, dass unser Leben zum größten Teil aus ganz normalen besteht.
Aus Tagen, die wir kaum voneinander unterscheiden können, Gesprächen, die wir schon wieder vergessen haben, Abende, an denen nichts Besonderes passiert ist.

Und vermutlich sind genau diese Tage irgendwann die, nach denen wir uns sehnen, 
nicht weil sie spektakulär waren, sondern weil sie unser Leben waren.

Ich glaube, ich möchte deshalb nicht unbedingt dankbarer sondern aufmerksamer werden, ein bisschen weniger selbstverständlich nehmen und öfter merken, wenn es 
mir gerade gut geht. Und vielleicht auch nicht sofort misstrauisch werden, nur weil gerade alles ruhig ist. Das wäre für den Anfang doch schon ziemlich viel.

Ich werde mich wahrscheinlich trotzdem weiterhin über Kleinigkeiten aufregen.
Ich werde nach wie vor manchmal einen vollkommen guten Tag haben und mich 
auf genau das konzentrieren, was nicht funktioniert. Und ich werde vermutlich auch in Zukunft morgens nicht spontan vor Freude über das Leben aus meinem Bett springen.
Man muss sich ja schließlich treu bleiben...

Aber vielleicht verweile ich morgen schon einen Moment länger in den Kissen und denke: Eigentlich ist alles ziemlich gut. Nicht alles, aber vieles. 
Und vor allem: Jetzt!
Möglicherweise ist Dankbarkeit genau das, nicht ständig glücklich zu sein, sondern manchmal zu merken, dass man es gerade sein könnte.

Und dann – ausnahmsweise – nicht sofort nach dem nächsten Problem zu suchen.
Ich übe noch...





 

 

 

 

Donnerstag, 27. August 2026

WAS BLEIBT, WENN DER SOMMER VORBEI IST?

 


 

Noch ist Sommer. Eigentlich.

Aber er beginnt schon, sich ein wenig rarzumachen. 
Die Abende werden kürzer, die Morgen kühler – und irgendwo in meinem Schrank wartet bereits die erste - natürlich neu gekaufte! - Jacke darauf, mich daran zu erinnern, dass das Leben auch ohne Sonnenbrille weitergeht.

Wenn ein Sommer sich verabschiedet, merkt man oft erst, wie 
viele kleine Geschichten sich in diesen Monaten angesammelt haben,
denn vielleicht sind es gar nicht die großen Ereignisse, die einen Sommer ausmachen, sondern die ganz unspektakulären Dinge, an die man sich 
später erstaunlich gut und gerne erinnert.

Zum Beispiel unsere Dusche im Garten. Dieses kleine bisschen Luxus, 
und die einfache Frage, warum man so eine wunderbare Außenbrause eigentlich nicht schon viele Sommer früher installiert hat. 
Barfuß über die Wiese, schnell abgeduscht, die Sonne auf der Haut – 
und für einen kurzen Moment fühlt sich das Leben ziemlich 
unkompliziert an.

Oder der erste Caffè Latte unter der gestreiften Markise auf der 
Holzterrasse am Morgen. Noch ein bisschen verschlafen, ungeschminkt, 
die Tasse in der Hand und eigentlich keinen Grund, schon irgendwo sein 
zu müssen. Ein paar Minuten, die nach nichts Besonderem aussehen 
und sich trotzdem genau danach anfühlen.

Und dann die lauen Abende mit dem Lieblings-Apotheker beim Italiener direkt um die Ecke. Keine große Planung, keine lange Anfahrt, kein 
„Was ziehen wir an?“. Einfach losgehen, einen Tisch finden, etwas 
Leckeres bestellen und irgendwann feststellen, dass aus dem
„Wir essen nur schnell was“ mal wieder ein ziemlich langer, mal feuchtfröhlicher oder nachdenklicher Abend geworden ist.

Vielleicht ist das Sommer überhaupt: 
Nicht ständig Urlaub zu haben, sondern dem Alltag einfach ein bisschen Urlaub unterzujubeln.

Und natürlich gab es auch die Tage, die etwas mehr nach Ausflug und Abenteuer aussahen, zum Beispiel der herrliche Ausflug in den 
Rheingau mit meinen "Golden Girls".
Mitte August, Mitte der Woche, Sommerwetter wie aus dem Bilderbuch, blauer Himmel, Sonne pur, fast schon zu heiss, malerische Weinberge, 
ein bisschen Wind und diese besondere Stimmung, die entsteht, wenn 
man mit Menschen unterwegs ist, bei denen ich nicht ständig überlegen muss, was ich sagen darf.

Wir haben wie immer, wenn wir uns sehen, viel geredet, um nicht zu 
sagen "philosophiert", herzhaft gelacht, lecker gegessen, ausgiebig und erfolgreich geshoppt und natürlich auch viel Zeit damit verbracht, 
darüber zu sprechen, was wir eigentlich schon längst einmal gemeinsam machen wollten...und hoffentlich auch noch werden.

Die zwei Tage im Rheingau waren keine dieser spektakulären Tage, 
von denen man später behauptet, sie hätten das eigene Leben verändert. 
Und genau deshalb waren sie so schön.
Einfach stundenlang zusammensitzen, andere Menschen beobachten, erzählen und lachen. Die Sonne genießen und sich über Dinge amüsieren, die wahrscheinlich niemand sonst lustig gefunden hätte.

Auch die Golftage mit Freunden am Bodensee, verbunden mit den Bregenzer Festspielen und einer herrlichen Aufführung von 
"La Traviata" im Sonnenuntergang gehören zu diesem Sommer 2026.
Eine ziemlich perfekte Kombination: Tagsüber ein bisschen sportlicher Ehrgeiz bei über 30 Grad im Schatten - wobei man beim Golf ja wunderbar so tun kann, als wäre jeder misslungene Schlag reine Taktik - und abends Kultur vor einer ganz besonderen Kulisse.

Dann Kitzbühel mit anderen Freunden und Andreas Gabalier. Wieder eine ganz andere Art von Sommer. Beeindruckende Berge, ausgelassene Musik, fröhliche Menschen und die Gelegenheit, das Leben einfach mal laufen zu lassen.

Und natürlich darf Amrum nicht fehlen. Gerade deshalb auch so schön, 
weil es gar nicht jedes Mal ein großes "Jetzt fahren wir in den Urlaub!" 
sein muss, sondern weil es für mich ein zweites Zuhause geworden ist. 
Endloses Meer, salziger Wind, unendliche Weite und dieses Gefühl, dass 
die Gedanken automatisch ein bisschen langsamer werden.

Im Juli ging es dann endlich auch mal wieder zu meiner Freundin nach Reinbek. Manchmal sind es eben nicht die spektakulärsten Orte, die einem besonders vertraut und lieb geworden sind. Es sind die Menschen, Plätze und Erinnerungen, ein bestimmtes Gefühl, das man nicht unbedingt erklären kann, aber sofort wiedererkennt, wenn man dort ist. 

Wenn ich das alles so betrachte, war dieser Sommer eigentlich sehr voll.
Voll mit schönen Begegnungen, besonderen Ausflügen, langen Gesprächen, guter Musik, Meer und Bergen, ein bisschen Golf, dem einen oder anderen Glas Wein und vielen Momenten, die einfach gut getan haben.

Solche Tage bleiben mir in ewiger Erinnerung.

Und dann gab es in diesem Sommer noch ein Ereignis, das alles 
andere ein wenig in den Schatten gestellt hat: 
Unser zweites Enkelkind, ein kleines Mädchen, wurde geboren.
Und plötzlich ist da wieder dieses Gefühl, das man eigentlich kaum 
erklären kann. Man sieht dieses zarte Wesen und weiß gleichzeitig, 
dass man es noch gar nicht kennt – und dass man es trotzdem schon unendlich liebhat.

Das Leben ist manchmal eben auch erstaunlich großzügig. 
Da kommt ein neuer Mensch in die Familie, kaum größer als ein kleines Bündel Glück, und plötzlich fühlt sich die Zukunft ein bisschen größer an.
Man wird Oma von einem weiteren süßen Mädchen und stellt fest: 
Das Herz hat offenbar noch Platz, viel mehr als man dachte.

Vielleicht sind es dann genau solche Dinge, die bleiben, wenn der 
Sommer vorbei ist. Eben nicht die perfekte Bräune, die bei mir ohnehin ungefähr so lange hält wie ein guter Vorsatz.
Nicht die vielen Fotos, obwohl man natürlich trotzdem viel zu viele davon gemacht hat. Nicht die Outfits, die man im Sommer unbedingt gebraucht 
hat und im Herbst plötzlich nicht mehr sehen kann.

Es bleiben die kleinen Geschichten...
Die eiskalte und so erfrischende Dusche im Garten, d
er duftende 
Caffè Latte auf der schattigen Terrasse, die langen Abende beim Italiener, der unvergessliche Ausflug in den Rheingau, das ausgelassene Lachen mit Freundinnen, die tiefgründigen Gespräche, die irgendwo zwischen 
schaumigem Espresso und leckerer Weinschorle mit Eiswürfeln und Zitronenscheibe entstanden sind.
Die immer noch so warmen Abende, die kleinen Augenblicke, in denen 
man einfach zufrieden war, ohne genau zu wissen, warum.
Und dieses kleine Mädchen, das in diesem Sommer in unser Leben 
gekommen ist.

Vielleicht ist das überhaupt das Schönste am Älterwerden:
Man sammelt nicht mehr nur Pläne, sondern vor allem Erinnerungen.

Man merkt, dass die wirklich wichtigen Dinge selten laut daherkommen. 
Sie sitzen
neben einem am Tisch, rufen an oder kommen zu Besuch und 
lachen mit einem. 

Und irgendwann sitzt man vielleicht wieder irgendwo 
- vielleicht im Rheingau -, die Sonne scheint, vor einem steht ein 
Glas Wein oder auch ein Aperol Spritz und jemand sagt: 
„Weißt du noch damals im Sommer …?“

Und genau dann merkt man: 
Der Sommer ist vielleicht vorbei, aber ganz verschwunden ist er nicht, 
denn er steckt in den Geschichten, die wir weitererzählen, in den Menschen, mit denen wir sie erlebt haben.

Und in all den kleinen Dingen, bei denen wir damals noch nicht wussten, 
dass wir uns später gern daran erinnern würden.

Der Herbst darf also ruhig kommen, ich bin bereit.
Na ja, fast...D
ie Schläppchen bleiben vorsichtshalber noch ein bisschen draußen.