"Für Dein Alter siehst Du aber noch gut aus."
Es gibt Sätze, die als Kompliment gemeint sind und trotzdem so etwas wie Nervosität
hinterlassen. Nicht unbedingt sofort, erst etwas später. Meist dann, wenn man längst
wieder zuhause ist, die Jacke lässig über den Designersessel im Flur geworfen hat und
der Satz plötzlich noch einmal im Kopf auftaucht.
"Für Dein Alter!"
Drei kleine Worte, die es schaffen, ein Lob gleichzeitig auszusprechen und vorsichtig einschränken.
Man bedankt sich natürlich höflich, schon fast reflexartig. Schließlich weiß man ja, dass
es freundlich gemeint war. Die meisten Menschen sagen diesen Satz wahrscheinlich mit ehrlicher Anerkennung. Fast ein wenig erstaunt sogar. Als hätte man mit bemerkenswerter Disziplin verhindert, dass die Zeit ihren Job erledigt.
Und genau das ist eigentlich interessant.
Denn irgendwann erscheint in unserer Vorstellung ein Alter zu beginnen, ab dem man nicht mehr einfach "gut aussieht", sondern nur noch dafür. Ab da wird Schönheit plötzlich relativiert. Begleitet von einem stillen Sternchen...*gut, gemessen an den Umständen.
Dabei verändert sich in den Jahren vor allem eins: Der Blick.
Nicht nur der Blick in den Spiegel, sondern auch der auf andere Menschen.
Mit zwanzig hält man Schönheit oft für etwas Glattes, Straffes, Müheloses.
Man verwechselt Jugend mit Ausstrahlung, weil beides ganz zufällig gleichzeitig auftaucht.
Später dann merkt man: Das Interessante an einem Gesicht ist seltenst seine Perfektion.
Es sind die Dinge, die darin passiert sind.
Das Leben hinterlässt Spuren - natürlich tut es das. Aber seltsamerweise sind genau diese Spuren oft das, was Menschen schön macht.
Ein entspanntes Lächeln. Radikale Gelassenheit. Unaufgeregter Humor.
Diese überaus angenehme Ruhe von Menschen, die nicht mehr jeden Raum betreten,
als müssten sie dort bewertet werden.
Vielleicht sehen viele Frauen irgendwann nicht jünger aus - sondern mehr nach sich selbst. Nicht glatter, aber echter.
Ehrlich gesagt finde ich es zunehmend anstrengend, wie erbittert unsere Zeit gegen das Älterwerden kämpft. Überall wird optimiert, geglättet, korrigiert und "verjüngt", als würde es
sich um einen technischen Defekt handeln.
Cremes heißen inzwischen wie kleine medizinische Eingriffe. "Repair", "Lift", "Renew",
"Age Reverse".
Besonders absurd wird es, wenn Menschen mit Ende vierzig Anfang fünfzig gesagt wird,
sie sähen "noch" gut aus. Dieses "noch" klingt, als befände man sich bereits in einer Art
optischer Nachspielzeit.
Dabei beginnt für viele genau dann eine ziemlich gute Phase.
Man kennt sich besser.
Man trägt nicht mehr alles, was gerade modern ist.
Man muss - und will - nicht mehr jedem gefallen.
Und man verschwendet deutlich weniger Energie darauf, jemand anderes sein zu wollen.
Vielleicht ist das der Grund, warum manche Menschen im Laufe der Jahre schöner werden, obwohl sie älter werden. Oder gerade deshalb.
Natürlich wäre es gelogen zu behaupten, man denke nie über das Älterwerden nach.
Die kleinen Veränderungen bemerkt man ja selbst zuerst.
Irgendwann fotografiert das Handy einen nicht mehr gnadenlos von schräg unten, ohne
dass man kurz über einen Gerätewechsel nachdenkt!
Und es gibt diesen Moment im morgendlichen Badezimmerlicht, in dem man versteht,
warum Hotels ihre Beleuchtung so schmeichelhaft gestalten.
Aber gleichzeitig passiert etwas anderes: Man wird milder mit sich selbst.
Und diese Milde ist vielleicht das Attraktivste überhaupt.
Deshalb höre ich solche Sätze inzwischen mit einer Mischung aus Amüsement und Nachsicht.
Denn eigentlich verraten sie weniger über das Alter der Person, die gemeint ist, als über die Vorstellungen der Person, die sie ausspricht.
Vielleicht sollten wir uns angewöhnen, Menschen einfach schön zu finden, ohne ihre Geburtsurkunde gedanklich mit auf den Tisch zu legen.
Ein schlichtes "Du siehst gut aus" wäre vollkommen ausreichend.
Alles Weitere macht das Kompliment kleiner, als es sein müsste.
Und vielleicht ist genau das eine der angenehmen Seiten des Älterwerdens:
Man hört irgendwann auf, sich ständig gegen die Zeit verteidigen zu wollen.
Man lebt einfach.
Und während ich das schreibe, sitze ich auf Amrum, schlürfe meinen geliebten Aperol Spritz
und lasse mir von Wind und Sonne erklären, wie unwichtig Perfektion ist.
Das Meer stellt schließlich auch keine Ansprüche an faltenfreie Oberflächen.
Und ehrlich gesagt passt ein zerzaustes Leben ohnehin besser zu mir als ein makelloses...

