Dienstag, 20. Januar 2026

AUSSER BETRIEB. UNFREIWILLIG...

...oder: Wenn Dich das Leben zu einer kleinen Pause zwingt.

 


 

Es begann wie ein ganz normaler Skitag. Perfekter Schnee, Sonne pur, ein bisschen Größenwahn, was soll schon passieren? Ein grummelndes Bauchgefühl nach dem üppigen Frühstück im schönen Berghotel wurde von meiner mitgereisten Moral Marie gekonnt ins Lächerliche gezogen.

Und dann kam sie. Von hinten. Mit Tempo. Eine Frau, die offensichtlich der Meinung war, 
die Piste sei eine vierspurige Autobahn ohne Tempolimit.
Zack...alles ging schrecklich schnell, es krachte wirklich furchtbar, Skier und ich flogen durch 
die Luft, plötzlich war es gespenstisch still und ich lag verdreht im Schnee. 
Die Frau - eine Engländerin - fuhr zwar nicht weiter, sondern redete auf mich ein, bot 
mir Wasser an, half mir hoch...und da ich so unter Schock stand, murmelte ich trotz stechendem Schmerz am Knie: "I am ok!", denn ich konnte verblüffenderweise ja nicht 
nur "fluently" englisch sprechen sondern auch stehen ohne wieder umzufallen. 
Dann konnte es ja nicht so schlimm sein...
Sie fuhr weiter, ich blieb zurück und kämpfte mich im Schneckentempo das letzte Stück 
Abhang runter...hin zu meinem Lieblingsapotheker, der natürlich, da der wesentlich bessere Skifahrer, schon ewig unten wartete... Dann erst verließ mich das Adrenalin und die Tränen flossen.

Um es kurz zu machen: Ich hatte Glück im Unglück!
Es ist wohl kein Band gerissen, weder im dicken Knie noch am nicht mehr taufrischen Oberschenkel, alles "nur" komplett überdehnt und offensichtlich viele kleine Risse, die mir 
so weh tun und das Laufen, aber vor allem das Hinsetzen und wieder Aufstehen als auch 
das Treppensteigen so beschwerlich machen.
Da liege ich jetzt also mit einer Bänderdehnung vom Feinsten und der Erkenntnis, dass 
das Leben manchmal sehr körperlich mit einem spricht.
"Pause", sagt mein Knie.
"Jetzt?", frage ich.
"Jetzt!", sagt das Leben.

Denn seien wir mal ehrlich: 
Auf "Du solltest Dich mal ein bisschen schonen" höre ich ungefähr so gut wie auf 
"Mach Dir nicht so viele Gedanken". Nämlich gar nicht. Also musste es offenbar etwas Deutlicheres sein. Etwas mit Salbe und Verband. Und Hochlegen. Kühlpads. Und Tabletten.

Seitdem sitze ich also hier. Bewegung auf Sparflamme. Treppensteigen wie ein Kleinkind. Termine abgesagt. Alltag entschleunigt. Heute morgen sogar mal Zeit für eine Kollagen-Maske und Augenpads genommen. Und natürlich ganz viel Espresso.
Und jetzt, bei Tasse Nummer drei, frage ich mich: Was will mir das Leben eigentlich sagen?

 

 


 

Vielleicht: Du musst nicht immer rennen. Nicht auf Skiern, nicht im Kopf, nicht durchs Leben.
Vielleicht auch: Es ist erlaubt, mal aus dem Rennen genommen zu werden, ohne gleich alles 
zu verlieren. 
Oder ganz pragmatisch: Hör endlich auf, immer alles gleichzeitig zu wollen.

Eine Bänderdehnung ist keine Tragödie. Sie ist eher ein freundlicher, aber bestimmter kleiner Klaps auf den Hinterkopf, nach dem Motto: Setz Dich. Atme. Schau mal aus dem Fenster. 
Die Welt dreht sich nämlich auch dann weiter, wenn Du gerade stillhälst.

Natürlich gibt es diese Momente, in denen man denkt: Das passt mir jetzt aber gar nicht. 
Genau jetzt hatte ich Pläne. Genau jetzt wollte ich aktiv sein. Genau jetzt habe ich keine Zeit 
für Schonung. Aber vielleicht ist jetzt genau der Punkt. Vielleicht ist Pause kein Gegensatz zu Leben, sondern ein Teil davon.

Und ja, ich habe kurz überlegt, ob ich diese Erfahrung spirituell deuten soll. 
Zeichen des Universums. Lernaufgabe. Wachstumsschmerz.
Aber vielleicht reicht ja auch eine einfachere Übersetzung nach dem Motto: 
Du bist kein Roboter. Dein Körper darf mitreden. Und manchmal muss er eben schreien, 
wenn Du sein Flüstern nicht hören willst.

Inzwischen bin ich fast, aber nur ein bisschen, dankbar. Nicht für den Unfall. Nicht für den doofen Schmerz. Aber fürs Innehalten. Für das langsamer Denken. Für das Beobachten. 
Für das Nichtstun, das sich erst falsch anfühlt und dann überraschend gut.

Also, was will mir das Leben sagen? Vielleicht nur das: Du darfst eine Pause machen, 
ohne sie immer rechtfertigen zu müssen.

Und falls auch Du Dich gerade fragst, warum Dich das Leben ausbremst: 
Vielleicht bist Du nicht falsch abgebogen. Vielleicht bist Du einfach kurz angehalten worden.

Mit hochgelegtem Bein. Und einem leisen Lächeln. 
Und immer wieder: Vielleicht... 

 

 


 

Sonntag, 11. Januar 2026

DIE JUNGEN JAHRE...

...geh'n schnell vorbei...

 

  

Das hat schon Peter Kraus im Januar 1959 im Duett mit Jörg Maria Berg als 
"Die James Brothers" gesungen. Wie recht er doch hatte...

Vor ein paar Tagen habe ich in behaglichster Runde den vor langer Zeit gedrehten Film 
eines Freundes mal wieder sehen dürfen. Super-8, leichtes Flackern, kein Ton, wilde 
Zooms und das leise Rattern im Kopf, das sofort sagt: Das ist lange her. 

Und dann: WIR!

Unfassbar jung. Unfassbar dünn. Unfassbar überzeugt davon, dass diese Frisur mit dem gefährlich hoch auftoupierten Pony eine gute Idee war, glatte Gesichter ohne Geschichte, 
Blicke ohne Ahnung davon, was noch kommt.

Wir stehen da wie selbstverständlich, lachen laut, winken völlig ungeniert in die surrende Kamera, tragen Klamotten, für die man heute entweder sehr mutig  oder sehr betrunken 
sein müsste. Extrabreite Schulterpolster, gewagte Dauerwellen, Jeans in Waschungen, 
die man gar nicht mehr benennen kann. 
Und wir? Fanden uns ziemlich cool. 

 

 


 

Was mich aber wirklich erwischt hat und immer noch nachwirkt, waren nicht die Outfits.
Es waren unsere Blicke. Dieses Selbstverständnis, mit dem wir nebeneinander stehen, 
an wild gedeckten Tischen sitzen, auf Rädern radeln, die heute keiner mehr freiwillig nutzen würde, dick belegte Brote essen - Kalorien, was ist das?! -, durcheinander reden oder 
Blödsinn machen, bis vor Lachen die nicht vorhandenen Bäuche weh tun.
Beste Freundinnen. Ohne Zweifel. Ohne Drama.
Ohne Kalenderabgleich drei Wochen im Voraus. Ohne Handy. Ohne viel Geld.

Wir hatten einfach viel Zeit. Und noch mehr Energie. Und dieses Gefühl, dass alles noch 
vor uns liegt. Dass wir uns niemals verlieren werden. Haben wir uns tatsächlich und zum 
Glück auch nicht!

Während der Film lief, habe ich oft gelacht. Und dann auch mal geschluckt. 
Weil mir klar wurde, wie gnadenlos ehrlich alte Aufnahmen sind. Kein Filter, kein Nachbessern, kein Löschen. Kein "Das lade ich lieber doch nicht hoch".
Nur wir, wie wir wirklich waren. Und wie wir aussahen. Mein Gott, wie wir aussahen! 

Und trotzdem - oder genau deswegen - war es so rührend.
Diese Erinnerung daran, dass wir einmal so "leicht" waren. Dass Freundschaft bedeutete: Einfach da sein, einfach mal klingeln, reinspazieren und bleiben.
Einfach gemeinsam an die Côte d'Azur fahren und völlig frei und "oben ohne" auf einem viel 
zu kleinen Handtuch an einem damals noch leeren Strand liegen...
Brigitte-Bardot-Feeling läßt grüßen.

Heute haben wir Lachfalten statt toupierte Ponyfransen. Rückenschmerzen statt 
Liebeskummer, klare Meinungen zu bequemen Schuhen und Gespräche über bessere Schlafqualität statt durchtanzter Partynächte.
Aber wenn ich diesen Film sehe, 40 Jahre später, weiß ich: 
Unser Fundament steht noch.
Vielleicht sind wir nicht mehr die Gleichen. Aber wir sind immer noch wir.

Und irgendwo auf einer alten Super-8-Filmrolle lachen ein paar junge Frauen, die keine 
Ahnung haben, wie wertvoll sie sich gerade sind.
Oder doch...wir wissen es! 
 

Und ich bin dankbar dafür, dass jemand damals auf "Start" gedrückt hat.

 

 


 

 

 

Dienstag, 30. Dezember 2025

ZWISCHEN SEKTGLAS UND SELBSTIRONIE - MEINE GANZ PERSÖNLICHE JAHRESABRECHNUNG.

 

 


Das Ende eines Jahres ist für mich diese seltsame Zeit zwischen Weihnachtsdeko wegräumen, 10 Jahre alte Akten vernichten, die ersten Tulpen kaufen, der Frage "Esse ich noch die letzten Lebkuchen?" und dem Vorsatz "Nächstes Jahr wird alles anders".
Die Zeit zwischen den Jahren, in der man grübelt, ob man eigentlich nur im Winterschlaf 
ist oder schon die Übersicht verloren hat!
Man schaut zurück, faltet innerlich die Hände und fragt sich:
Na? Was war denn los in 2025?
Erfolge? Erkenntnisse? Höhenflüge? Tiefpunkte? 
Oder zumindest ein ordentliches Stolpern mit Ziel vor Augen?

Ich habe lange überlegt, worauf ich in diesem kleinen Jahresrückblick überhaupt schauen will. Auf das goße Ganze? Auf die kleinen Dinge? Auf mich? 
Oder auf dieses eine Projekt, das mich begleitet hat wie ein gutgelaunter, manchmal leicht anstrengender Mitbewohner: Mein Buch.

Aber nein.
Natürlich war dieses Jahr mehr als ein Buch.
Und gleichzeitig war das Buch ziemlich viel.

Kreativ statt beschäftigt.

Ich arbeite ja nicht mehr. Also zumindest nicht in diesem klassischen Sinn, in dem man 
morgens irgendwo auftaucht und so tut, als hätte man einen Plan.

Ich bin "nur" kreativ. Das ist etwas völlig anderes.

Ich denke, schreibe, verwerfe, schreibe neu.
Ich kreiere kleine Quadrate mit meinen eigenen Schwarzweiß-Fotos. 
Manchmal nur für mich. 
Manchmal für andere. 
Einige stehen, liegen oder hängen auch schon in einer neuen Umgebung. 

Kreativ sein heisst immer wieder auch: 
Denken, verwerfen, neu denken, wieder verwerfen - und irgendwann sagen: 
So. Das bleibt jetzt so. Punkt.
Es heißt, dem eigenen Rhythmus zu vertrauen.
Und zu akzeptieren, dass man nicht produktiv sein muss, um Wertvolles zu tun.

 

 


Das Buch. Mein Buch. 

Ja, es gibt seit Sommer dieses Buch "Zwischen Zähneputzen und Zweifeln".
Und nein, es ist nicht plötzlich alles verändert, seit es existiert.
Aber es hat etwas sortiert.
Wilde Gedanken, schöne und nicht so schöne Erinnerungen, allerlei aufregende Alltagsbeobachtungen. Und mich selbst auch ein bisschen.

Mein Buch existiert.
Es liegt auf Tischen.
Manche haben es gelesen.
Manche haben mir Sätze daraus zurückgeschickt - und die sind mir dann leise ins Herz gefallen. 

Und ja: Ich vermarkte es.
Ich lerne, wie man über etwas spricht, das sehr perönlich ist, ohne sich dabei wie eine 
schlecht gelaunte Dauerwerbesendung zu fühlen.
Ich übe, ein bisschen stolz zu sein, ohne laut zu werden.
Und sichtbar, ohne mich zu verbiegen.

Das ist gar nicht so leicht.

Vielleicht gibt es irgendwann auch ein neues Buch. Vielleicht auch nicht.
Es gibt da Ideen. Zettel. Dateien mit kryptischen Namen. Anfänge - und Enden, die sich 
noch nicht zeigen wollen. 
Vielleicht bleibt alles aber auch erst einmal ein spannender Gedanke, der noch ein bisschen reifen muss.
Ich habe gelernt, mir selbst keinen Zeitdruck mehr zu machen und meine allseits 
präsente Moral Marie auch mal in den Kurz-Urlaub zu schicken.  

Jahresrückblick heißt nicht Jahresabrechnung.

Es gab Höhen, Tiefen und ein paar Momente, in denen ich mich gefragt habe, ob ich vielleicht doch eine Ausbildung zur Einsiedlerin anfangen sollte. Manchmal war ich mutig, manchmal müde - und ganz selten hatte ich das Gefühl, alles im Griff zu haben. 

Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, dass ein Jahresende kein Kassensturz sein muss. 
Keine Excel-Tabelle des Lebens. Kein "Hätte-ich-doch-noch".

Man darf zurückschauen und sagen:
Das war genug. Oder sogar: Das war gut.

Nicht alles war leicht.
Nicht alles war lustig.
Aber vieles war echt.

Interessante und tiefgründige Gespräche, die geblieben sind. Andere, die gegangen sind - 
und das war auch gut so.
Momente, in denen ich dachte: Ach, so fühlt sich das also an, wenn man bei sich ankommt.
Und dann wieder welche, in denen ich kurz die Orientierung verloren habe. 
Auch das gehört dazu. Ich habe gelernt, langsamer zu urteilen. Über andere. 
Und vor allem über mich. 

Fazit? Gibt's keins. Nur ein Gefühl.

Jetzt kommt ein neues Jahr.
Mit neuen leeren Seiten.
Bestimmt mit neuen Texten.
Mit neuen Mini-Quadraten.
Und mit vielleicht einfach nur mehr Vertrauen ins Unperfekte.

Ich bin nicht spektakulärer geworden. Aber ehrlicher. 
Nicht lauter. Aber klarer. 

Ich nehme also mit: Grenzenlose Neugier, Sinn für Humor, eine gewisse Gelassenheit 
und ein Buch, das es ohne mich nicht gegeben hätte.

Und das reicht mir. 

Und 2026?! 

Ach ja, die Pläne fürs neue Jahr! 
Ich werde natürlich mehr Sport machen (vielleicht viermal).
Ich werde immer meinen Schreibtisch aufräumen (zumindest einmal).
Ich werde weniger Kaffee trinken (okay...nächster Punkt).
Ich werde liebevoller mit mir selbst sein, großzügiger mit Pausen und entspannter mit anstrengenden Mitmenschen.

Vor allem aber: 
Ich freue mich darauf, wieder jede Menge Geschichten zu erleben, zu sammeln und aufzuschreiben - zwischen Zähneputzen und Zweifeln, zwischen Espressotasse und Aperol. 

Ich verabschiede das Jahr 2025. Ohne Drama. Mit Neugier auf 2026.

Guten Rutsch... 

 


 

Sonntag, 7. Dezember 2025

MITTEN IM JETZT...

 


 ...Oder: Wenn das Leben plötzlich schneller läuft als wir!

Es gibt diese kleinen Momente, in denen wir aufwachen und uns fragen, wann eigentlich alles so schnell geworden ist. Früher schien ein Jahr geradezu eine Ewigkeit zu dauern, die Sommerferien waren ein ganzer Ozean voller Zeit.
Heute blättere ich gefühlt nur einmal im Kalender um - und schon ist wieder Weihnachten.
Manchmal habe ich das Gefühl, das Leben rennt, und ich selbst trödele nur hinterher und versuche, trotzdem nicht aus der Puste zu kommen.

In den letzten Wochen wurde dieses Gefühl noch stärker. Ein Schicksalsschlag in der Familie hat etwas in mir angehalten. Solche Ereignisse machen das immer: Sie brechen mitten in unseren Alltag ein, setzen sich ungebeten an den Tisch und sagen mit grenzenloser und unbequemer Ehrlichkeit, dass rein gar nichts selbstverständlich ist. 
Nicht die Menschen, die wir lieben. 
Nicht die Zeit, die wir glauben zu haben. 
Nicht einmal das Morgen.

Man merkt plötzlich wieder, wie fragil dieses ganze Konstrukt "Alltag" ist. Wir planen Wochen 
im Voraus, verschieben leichtfertig Termine, schreiben endlose Listen - und glauben ernsthaft, wir hätten Einfluss darauf, wie sich die nächsten Tage anfühlen werden, was passieren wird. 
Doch in Wahrheit leben wir alle auf sehr dünnem Papier. Ein einziger Anruf, ein Nebensatz, 
eine Nachricht kann alles verschieben, neu sortieren, auf den Kopf stellen.

Und während ich das so beobachte, wird mir klar, wie selten ich wirklich im Jetzt bin. 
Wie oft ich gedanklich schon im nächsten Schritt hänge, im nächsten Projekt, im 
nächsten Gespräch. Dabei ist es genau dieser eine Moment, in dem wir atmen, fühlen, 
leben, der eigentlich zählt. Vielleicht ist es sogar eine stille Einladung, dem Leben generell direkter zu begegnen. 
Nicht übermorgen. 
Nicht "wenn alles wieder ruhiger wird".
Sondern jetzt.
Mit all seiner Verletzlichkeit, all seiner Schönheit und allem dazwischen.

Und doch war es nicht nur ein Schmerz, der sich breit gemacht hat. Es war auch ein merkwürdiges, fast warmes Bewusstsein dafür, wir sehr wir verbunden sind - gerade dann, wenn uns etwas erschüttert, stille Solidarität, die sonst im Lärm der Routine einfach und 
oft untergeht.

Genau darin liegt etwas Tröstliches. Das Leben mag schnell sein, überraschend, 
manchmal ungerecht. Aber es schenkt uns auch immer wieder diese Momente der Menschlichkeit, die uns daran erinnern, warum wir all die Unordnung und Unsicherheit überhaupt aushalten.

Ich möchte gar nicht in die dunkle Ecke der Melancholie abtauchen - das wäre zu einfach. Stattdessen versuche ich, die Lektion zu sehen, die sich mir so vorsichtig andeutet: 
Vielleicht kommt es gar nicht darauf an, das Leben zu verlangsamen oder festzuhalten. Vielleicht geht es einfach darum, wach zu bleiben, während es an uns vorbeirauscht.
Präsenter. Aufmerksamer. Empathischer. Dankbarer.

Ich will wieder lernen, die Minuten bewusster zu sehen. Mich über die kleinen Wunder 
im Alltag zu freuen - und sei es nur der Geruch von frischem Kaffee am Morgen, 
der Moment, in dem jemand neben mir sitzt und gar nichts sagen muss, damit ich mich 
verstanden fühle oder das so süße Üben meiner Enkelin Oma "Bärbel" fehlerfrei auszusprechen.

Das Leben geht schnell vorbei, ja. Aber es ist voller Augenblicke, die uns sanft erinnern, 
dass wir mittendrin sind - lebendig, verbunden, verletzlich und dennoch stark.

Vielleicht ist das am Ende ja genug.
Vielleicht ist das sogar alles. 

 Ich wünsche allen eine besinnliche Adventszeit und zufriedene Feiertage!

 

 


Samstag, 8. November 2025

PREMIERE: ATMEN, BITTE.

 

 


Die Einladung klang harmlos:
"Mach doch Deine erste Lesung bei mir im Laden! 
Gemütlich, kleiner Kreis, eventuell sogar ein paar vertraute Gesichter."

Klar, dachte ich. Was soll da schon schiefgehen?

Ein paar Wochen später saß ich also zwischen ausgewählten Vintage-Blusen, 
edlen Designer-Taschen, einem riesigen Holztisch mit ausgelegten Exemplaren meines 
Buchs, extra bestellten Bänken und diversen Spiegeln, die gnadenlos jedes Gramm Nervosität reflektierten.

Der wunderschöne Second-Hand-Laden einer Freundin. Ort für anziehende Fundstücke, reizende Begegnungen - und jetzt also meine Premiere als Vorleserin.

Schon beim Eintreffen der ersten Gäste - leider gab es krankheitsbedingt ein paar Absagen! - hatte ich das Gefühl, mein Puls würde gleich die 180 überschreiten.
"Frau Arras, Sie sehen ja ganz entspannt aus!", sagte jemand. Ich nickte routiniert lässig, 
während mein rechter Fuß heimlich den Takt von EYE OF THE TIGER trommelte.

Es war dann ein kleiner feiner Mix aus Zuhörern: 
Charmante Stammkundinnen und Freundinnen des Ladens, jung und in meinem Alter, 
sogar ein Mann -mitgeschleppt von seiner Liebsten!, - und natürlich meine Seelenverwandte, 
die gleichzeitig wunderbare Gastgeberin, moralische Unterstützerin und Souffleuse für alle 
Fälle war.

Und dann ging's tatsächlich los.
Ich mit meinem inzwischen vom vielen lesen üben schon leicht zerfledderten Buchs in der 
Hand, Schweißfilm auf der Stirn und dem festen Vorsatz, nicht ohnmächtig zu werden.

Erster Satz: Noch leicht zitternd.
Zweiter Satz: Fast fehlerfrei.
Dritter Satz: Plötzlich lacht jemand!
Ich hätte vor Erleichterung beinahe das nächste von mir eingefügte Absatzzeichen umarmt. 

Nach 10 Minuten war ich drin.
Der Laden roch nach auserlesenen Duftkerzen, spritzigem Cremant und Lampenfieber.
Ich las, gestikulierte, improvisierte - und irgendwann war sogar ich überzeugt, dass ich wusste, was ich da tue. 

Als ich fertig war, wurde geklatscht. Echt und ehrlich geklatscht! Nicht nur aus Höflichkeit...
Ich war kurz davor mich zu verbeugen, ließ es aber bleiben - ich saß ja zwischen 
Kleiderstangen mit Vintage-Kleidern und Regalen voller Kaschmir-Pullis, und stand nicht 
auf der Bühne der Elbphilharmonie.

Danach trank auch ich endlich ein Glas leckeren Rosé-Cremant statt Aperol, herzhaftes 
Lachen und ehrliche Kommentare füllten den Raum, und einige haben mein Buch sogar 
gekauft - heute gab's ja noch die Widmung gratis.

Später, als die letzten Stühle und Bänke zusammengeklappt waren, dachte ich:
Vielleicht ist das der perfekte Ort für einen Lesung.
Lebendig, unkompliziert, ein bisschen ungewöhnlich...so wie das Leben selbst.

Und beim nächsten Mal?
Vielleicht wieder hier.
Oder im Waschsalon.
Da ist die Akustik bestimmt auch ganz gut. 

 


 

Dienstag, 28. Oktober 2025

SINNFRAGEN IN SAISONFARBEN.

 




Im Sommer war alles noch glasklar. 
Ich wusste, was ich wollte (nämlich Sonne, Eis und möglichst meine Ruhe). 
Die Gedanken waren sortiert, die Stimmung leicht, die To-do-Liste überschaubar, 
das Leben hatte eine gewisse Leichtigkeit.
Und dann kommt er, der Herbst - und mit ihm dieser Wind, der nicht nur die Blätter durcheinander wirbelt, sondern auch meine innere Ordnung, er stürmt einmal quer 
durch Herz und Hirn.

 

 


 

Kaum färbt und fällt das erste Blatt, gerät mein Inneres in eine Art emotionalen 
Laubbläser-Modus.
Soll ich mein Leben umkrempeln?
Soll ich die Couch umstellen?
Oder brauche ich nur neue Kissenbezüge?!
Und wieso riecht plötzlich jede Straßenlaterne nach Melancholie?
Es ist, als hätte der Herbst einen Vertrag mit meinem Unterbewusstsein geschlossen: 
"Ich bringe die Blätter durcheinander - Du übernimmst den Rest!"

Während also draußen Windstärke 3 die Äste biegt, räumt drinnen mein Kopf nicht nur 
die Möbel um. Erinnerungen werden abgestaubt, alte Sehnsüchte aus dem Keller geräumt, 
und irgendwo liegt noch dieser eine Gedanke herum, den ich seit Mai gekonnt 
ignoriert habe: "Mach doch endlich das, was Du schon immer machen wolltest!" 
Na super. Jetzt mischt sich auch mal wieder meine Moral-Marie ein.

Der Herbst, so scheint es, hat ein Talent dafür, mich aus meiner Komfortzone zu pusten. 
Und zwar gründlich. Dabei hatte ich mir doch fest vorgenommen: 
Im Herbst wird endlich alles viel strukturierter, ordentlicher, erwachsener. Tja.
Da sitze ich also - mit Kräuter-Tee statt Aperol, dicken Wollsocken statt Flip Flops und 
frage mich, wo sie denn geblieben ist, diese Struktur?!

Aber vielleicht ist das ja der Witz und das Schönste am Herbst: 
Er erlaubt uns, ein bisschen durcheinander zu sein. Wie die Blätter. 
Nur mit mehr Gedanken und wärmeren Socken. 

Er zeigt uns, wie schön Loslassen aussehen kann - und wie anstrengend es ist, es selbst 
zu tun. Denn ich klammere mich an alte Routinen wie ein Blatt mit Höhenangst. Dabei wäre genau jetzt der Moment, sämtlichen Ballast mal abzuwerfen - gedanklich, emotional, organisatorisch. 

Ich schaue aus meinem Fenster, sitze am kleinen Schreibtisch und sehe die Blätter tanzen. 
So frei, so selbstverständlich.
Und was mache ich? Ich halte krampfhaft an Sommerplänen, Erwartungen und einer 
To-do-Liste fest, die längst vergilbt ist.
Vielleicht sollte ich mir ein Beispiel nehmen. Blätter lassen einfach los, ganz ohne lange Diskussionen.

Denn irgendwann, mitten im dichten Gedankennebel, begreife ich: 
Dieses Durcheinander ist kein Fehler - es ist eine Art seelischer Durchlüftung. 
Der Herbst bläst den Staub der letzten Monate weg, macht Platz für neue Gedanken, 
und was bleibt, das ist das Wesentliche.
Zwischen all dem Wind und Wirrwarr liegt eine gewisse Ruhe. Wenn ich sie lasse.
Ich versuch's mal mit Gemütlichkeit.

Bis mein Tee kalt wird...

 


 

Montag, 29. September 2025

SELBSTZWEIFEL - DIE GRATIS-ERDNÜSSE ZUR BUCHPARTY.

 

 


Man sollte ja meinen, nach einer Buchveröffentlichung sei man im siebten Himmel: 
Sektkorken knallen, Freund:innen jubeln, die Nachbarin möchte ein Autogramm auf der 
Aldi-Quittung, eine Bekannte eine persönliche Widmung auf der ersten Seite und eine Bestellung von "Zwischen Zähneputzen und Zweifeln" jagt die andere.

Die Realität? Natürlich ein kleines bisschen anders. 
Statt auf Wolke sieben sitze ich eher auf Wolke "Selbstzweifel". 
Noch während die ersten Exemplare verschickt werden, taucht sie wieder auf, meine 
größte Kritikerin, meine Moral-Marie...auf sie ist einfach immer Verlass.

Sie fragt Dinge wie: 
"Warum glaubst Du, Deine Gedanken wären lesenswert?"

"Hast Du nicht zu viele Espressopausen in den Text eingebaut?"
"Und was, wenn es niemand so amüsant, wunderbar stimmungsvoll, kurzweilig, schön formuliert, erfrischend, unterhaltsam aber auch nachdenklich findet wie Du?"
Ein schier endloses Gedankenkarussell...

Aber natürlich und zum Glück gibt es auch die wunderbarsten Momente: 
Eine Freundin schickt ein Foto vom signierten Buch auf ihrem Nachttisch. 
Eine andere postet bei Instagram ein Herz-Emoji unter mein Buch. 
Wieder eine andere schreibt mir berührende Zeilen, die mir dann doch ein paar Tränchen entlocken. 
Die Familie freut sich echt mit mir und sagt bewegende Worte, die mir wirklich sehr viel bedeuten. 
Eine Leserin schreibt mir wie humor- und liebevoll, realistisch und reflektiert sie meine Worte findet, eine andere schickt mir die Nachricht, wie inspiriert und berührt sie nach dem Lesen war.

Bei einigen Geschäften oder in meinem Lieblings-Lokal auf Amrum darf ich meine Bücher 
sogar auslegen und zum Verkauf anbieten.
Und in meinem Lieblings-Secondhandladen wird doch tatsächlich eine kleine feine Lesung 
für den Herbst geplant. Das Wort, das mir schon beim Aussprechen den Puls auf 180 hochtreibt.
Stellt Euch vor, man sitzt vorne - man sitzt bei Lesungen ja leider immer vorne -,
das eigene Buch in der Hand, und plötzlich fühlt es sich an, als hätte man vergessen, 
jemals gelesen zu haben. Laut!!!
Der Mund trocken wie Knäckebrot, die Hände zittern wie nach dem 4. Espressso, 
wo ist mein Aperol Spritz, wenn man ihn dringend braucht?!
Und die größte Sorge: Was, wenn nur 3 Leute kommen? Und dann keiner ein Buch kauft?
Ich darf noch gar nicht daran denken...

Aber bei all dem Gejammer im Kopf bleibt am Ende doch eins: Dankbarkeit.
Jede einzelne Leserin, jeder Leser, der mein Buch kauft, darin blättert, sich über einen Satz amüsiert, sich wiedererkennt oder es vielleicht sogar weiterempfiehlt - das alles ist einfach 
nur grandios. Denn die Tatsache, dass Menschen mein Buch überhaupt in die Hand nehmen, 
ist eigentlich schon ein kleines Wunder.

Mein Fazit: 
Selbstzweifel gehören wohl dazu. Sie sind wie Krümel im Bett: Lästig, aber irgendwie unvermeidlich. Und vielleicht sind sie auch gar nicht so schlimm - sie erinnern mich daran, 
dass ich etwas gewagt habe. Dass ich etwas in die Welt gesetzt habe, das nicht perfekt sein muss, um gelesen und geschätzt zu werden.

Also gut: Selbstzweifel, Ihr dürft bleiben.
Aber bitte leise, denn wenn wieder ein lieber Mensch mein Buch kauft, dann möchte ich 
den Moment einfach nur genießen. 

Danke an alle, die es schon gelesen haben.
Und natürlich freue ich mich auf alle, die es noch kaufen werden...es darf ja auch 
gerne verschenkt werden.