Freitag, 6. Februar 2026

NICHT IRGENDWANN.

 

 

 

 

Gute Vorsätze macht man an Silvester. Sagt man. Mit Sektglas in der Hand, Konfetti im Haar und völlig unrealistischen Erwartungen an das eigene zukünftige Ich.
Dieses Ich joggt dann ab Januar täglich, isst nur noch Dinge mit Chiasamen und hat sein 
Leben spätestens bis Ende Februar komplett im Griff.

Ich habe lieber meinen 66.Geburtstag Ende Januar abgewartet.
Kein Feuerwerk, kein Countdown, kein Kater (doch ein klitzekleiner!) am nächsten Morgen - dafür Kuchen, Kaffee, später Aperol und Pasta und die beruhigende Gewissheit: 
Jetzt ist es auch egal. Oder gerade deshalb fast perfekt.

Mit 66 weiß man nämlich endlich, was nicht mehr funktioniert (Joggen zum Beispiel, schon gar nicht mit lädiertem Knie...siehe letzten Blogpost!)) und was völlig überschätzt wird (Chiasamen!).
Und man weiß vor allem: Gute Vorsätze müssen nicht schlank, sportlich oder instagramtauglich sein. Sie dürfen auch bequem sein, ehrlich, und vor allem: alltagstauglich. 

Meine guten Vorsätze beginnen also nicht mit "Ab morgen...", sondern mit 
"Wenn ich Lust habe...".
Das fühlt sich überraschend erwachsen an und könnte trotzdem wie nachfolgend aussehen...

Ich höre auf, mich kleinzumachen.
Dieses leise, höfliche, rücksichtsvolle, gut erzogene Kleinmachen.
Das vorsichtige Relativieren, das beschwichtigende, manchmal leicht debile Lächeln, das schnelle "Ist ja nicht so wichtig", obwohl es das sehr wohl ist.
Ich bin erstaunlich gut darin. Weltmeisterlich unauffällig.
Nie zu laut, nie zu klar, nie zu sehr ich selbst.
Nicht aus Angst, eher aus Gewohnheit. Und aus Rücksicht.
Und aus dieser merkwürdigen Idee, dass man angenehmer ist, wenn man sich ein bisschen zurücknimmt. 
Mit dem Ergebnis, dass ich mittlerweile so zurückgenommen bin, dass man mich glatt übersehen könnte. Sogar von mir selbst.

Ich höre auf, mich zu vergleichen. 
Dieses ständige, leise, nervige Messen.
Mein Innenleben gegen das Außenleben der anderen.
Mein Dienstag gegen deren Sonntag.
Vergleichen ist eine heimliche, hartnäckige, schlecht gelaunte Beschäftigung.
Man macht sie nebenbei, unauffällig, fast schon automatisch - und fühlt sich danach 
zuverlässig schlecht.
Früher dachte ich oft: Die anderen sind weiter. Souveräner. Gelassener.
Haben mehr Plan, mehr Glück, mehr Leichtigkeit.
Heute frage ich mich: Vergleiche ich mein Rohmaterial mit der Hochglanzversion der anderen? 
Das ist natürlich unfair. Und äußerst unerquicklich.
Außerdem übersehe ich beim Vergleichen etwas Entscheidenes: 
Niemand lebt mein Leben außer mir. Niemand trägt meine Geschichte, meine Umwege, 
meine Eigenarten.
Also bin ab jetzt ich meine Vergleichsgröße. Nicht perfekt, aber passend.
Ich kann's ja mal versuchen...

Ich höre auf, ständig Ja zu sagen. 
Dieses reflexartige, höfliche, vorsorgliche Ja.
Das Ja, das schneller kommt als der eigene Gedanke.
Ein Ja aus Gewohnheit, aus Harmoniebedürfnis, aus der diffusen Angst, sonst irgendwie schwierig, zu empfindlich und zickig rüberzukommen.
Ich habe lange geglaubt, ein Ja mache das Leben leichter. Tatsächlich macht es die 
To-do-Liste  nur länger. Und das eigene Leben kleiner.
Ein Nein dagegen ist erstaunlich klar. Kurz, ohne Begründungspflicht.
Kein Drama, kein Erklärungsbedarf, keine Fußnoten.
Andere können das!
Also, in Zukunft auch von mir öfter mal ein Nein. Nicht trotzig, nicht hart, nicht demonstrtiv. Einfach ehrlich. 
Und wahrscheinlich wird sich die Welt weiterdrehen.

Ich höre wieder auf mein Bauchgefühl. 
Mein Bauch, ob dick oder dünn, hatte fast immer recht. 
Er war nie laut. Er hat nicht gedrängt, nicht argumentiert, nicht diskutiert.  
Er hat sich nur leise gemeldet, wenn was nicht gestimmt hat.
Ich habe ihn lange und immer wieder überhört. Habe stattdessen analysiert, abgewogen, begründet, rationalisiert. Und mich später gefragt, warum sich etwas doch ziemlich falsch anfühlt, das doch so logisch klang.
Mein Bauch ist kein Romantiker, er ist mit 66 Jahren - leider nicht mehr ganz so straff! -, 
aber einfach erfahren. Hat mehr erlebt als mein Kopf und merkt sich all die Dinge, die sich 
nicht in Worte fassen lassen.
Also muss ich wieder lernen hinzuhören, nicht blind, nicht naiv, nicht impulsiv. 
Aber bitte ein bisschen aufmerksamer.

Ich lasse Menschen los, die auslaugen. 
Kennt Ihr die Gespräche, nach denen man sich fühlt wie ein leerer Akku?!
Die Treffen, nach denen man unbedingt und dringend mit einem köstlichen Aperol Spritz 
alleine sein muss?!
Ich war sehr lange und eigentlich immer loyal - manchmal zu lange.
Aber man muss auch loslassen können, nicht laut, nicht endgültig, auch nicht mit lautem Knall.
Eher mal leise, sachlich, mit innerem Kopfnicken und Zustimmung der Moral Marie.
Ich habe viel zu lange gedacht, man müsse aushalten, zuhören, loyal sein; 
Durchhalten sei eine Form von Charakter. 
Aber: Dauerhafte Erschöpfung ist kein Zeichen von Tiefe. Und Nähe darf sich doch nicht wie Arbeit oder Kampf anfühlen.
Loslassen ist also kein Versagen. Es ist eine Entscheidung für das, was bleiben darf.

Und ich warte nicht mehr auf den perfekten Moment. 
Der perfekte Moment hat mich lange hingehalten. Er wollte immer erst kommen, wenn 
alles passt: Mut, Klarheit, Timing, innere Ruhe, äußere Umstände.
Kurz gesagt: Er war bis jetzt sehr anspruchsvoll.
Also mache ich die Dinge jetzt. 
Nicht übermütig und spektakulär, sondern einfach dann, wenn sie sich richtig anfühlen 
(Memo an mein Bauchgefühl...)
Ich lasse natürlich nicht alles los.
Ich behalte Humor, Neugier und eine gesunde Portion Trotz.
Und die Freiheit, mir Wichtiges nicht mehr für später aufzuheben. 

Denn irgendwann ist kein Ort.
Und später kein Versprechen.

Also: Nicht irgendwann...bin ja nicht mehr die Jüngste!

 

 


 

 

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