Dienstag, 31. März 2026

GEDULDIG, JA. GRENZENLOS, NEIN.

 


Es passiert schneller, als einem lieb ist. Ein Satz, ein Blick, ein Tonfall - und zack, da ist er:
Dieser feine, fast unsichtbare Riss im eigenen Wohlbefinden. Nicht dramatisch genug für 
eine Tragödie, aber doch zu spürbar, um ihn einfach abzutun. 
Eine kleine seelische Schramme, frisch und überraschend.

Früher - oder an schlechten Tagen - reagiert man darauf wie ein schlecht programmiertes Navigationssystem: "Bitte wenden! Bitte wenden!!" 
Entweder man fährt sich emotional fest oder schießt über das Ziel hinaus.

Doch gibt es sie, diese andere Möglichkeit. Die leise, stilvolle Variante. Man hält inne. 
Versucht die beleidigte, gekränkte innere Moral Marie gekonnt zu ignorieren.
"Warum hat mich das getroffen?" ...nicht vorwurfsvoll, sondern eher forschend.
Denn zwischen Reiz und Reaktion liegt bekanntlich ein kleiner, kostbarer Raum. 
Und genau dort wohnt die Würde. Wer ihn nutzen kann, wirkt plötzlich erstaunlich sortiert, 
fast beneidenswert gelassen.

Aber - und das ist entscheidend - Würde bedeutet nicht, alles zu schlucken. 
Man darf sprechen, man darf Grenzen setzen.
Ruhig, klar, ohne Schärfe: "So möchte ich nicht angesprochen bzw. behandelt werden."
Ein Satz, ohne Drama, aber mit Haltung. Und genau darin liegt seine Kraft.

Verletzt zu werden ist ja im Grund eine Unverschämtheit. 
Man geht völlig arglos durch den Tag, denkt an einen duftenden doppelten Espresso, 
die ellenlange Einkaufsliste und ob die Pflanzen mal wieder gegossen werden müssten - 
und plötzlich kommt jemand daher und trifft einen emotional wie ein schlecht gezielter Dartpfeil.
Nicht tödlich, aber äußerst unerquicklich und schmerzhaft.

Die spontane Reaktion? Natürlich vollkommen unangemessen. 
Innerlich schreibt man bereits eine flammende Rede, eine Mischung aus Shakespeare und spitzer Whatsapp-Nachricht, die alles klärt, alles erklärt und nebenbei noch die eigene moralische Überlegenheit unterstreicht. 
Zum Glück bleibt es meistens beim inneren Entwurf.
Denn mit etwas Abstand merkt man: Die wirklich guten Reaktionen sind nie die lauten. 
Sie haben keine Ausrufezeichen. Sie brauchen keine Bühne.
Aber sie haben Kontur.
Zum Beispiel so: "Das war respektlos. Bitte lass das."

Kurz. Klar. Unmissverständlich. Keine Einladung zur Diskussion.
Und plötzlich verschiebt sich etwas. Nicht unbedingt beim Gegenüber. 
Aber ganz sicher bei einem selbst. 

Vielleicht ist das Schwierigste am Verletztwerden gar nicht der Moment selbst, sondern 
das Echo danach. Dieses ewige gedankliche Kreisen. Dieses leise Wiederholen. 
Dieses "Warum eigentlich?"

Denn Verletzungen haben die unangenehme Eigenschaft, selten nur an der Oberfläche zu kratzen. Sie klopfen oft an Türen, die schon länger existieren.
Alte Zweifel. Frühere Erfahrungen. Kleine Unsicherheiten, die man eigentlich längst gut 
verstaut glaubte. Eigentlich.
Und ja - es lohnt sich hineinzuschauen. 
Aber es gibt eine Grenze zwischen Selbstreflexion und Selbstinfragestellung.
Nicht alles, was uns trifft, müssen wir bei uns selbst lösen. Manches gehört ganz klar 
zurück zum Absender.
Und genau dort zieht man eine gesunde rote Linie: "Das nehme ich nicht an!"

Ein stiller, innerer Satz - oder, wenn nötig, auch ausgesprochen. Ohne Rechtfertigung. 
Ohne lange Erklärung. Denn Grenzen brauchen keine langen Begründungen. 
Sie brauchen nur Klarheit. 

Es wäre ja schön, wenn man auf Verletzungen grundsätzlich reagieren könnte wie eine 
sehr weise, sehr entspannte Person in einem französischen Film: Ein leichtes Lächeln, 
ein wissender Blick, ein Schluck Champagner - fertig.
In der Realität sieht es eher so aus: Man ist kurz irritiert, leicht bis mittel empört und 
innerlich bereits in einer Diskussion, die mehrere Kapitel umfasst.
Aber auch das gehört dazu. Nur: Man muss dort nicht wohnen bleiben.
Irgendwann - gern nach einem inneren Mini-Drama - kommt dieser Moment, in dem man sich wieder aufrichtet. Innerlich die Schultern sortiert. 
Und entscheidet: Bis hierhin. Und nicht weiter.
Vielleicht sagt man dann - freundlich, aber sehr bestimmt: "Stopp. So nicht."

Und erstaunlicherweise ist genau das oft der Punkt, an dem sich etwas klärt. 
Oder trennt. Beides ist erlaubt. 

Was macht man also, wenn man verletzt wird?
Man fühlt. Man denkt. Man sortiert.
Und dann: Man setzt eine Grenze. 
Nicht laut. Nicht aggressiv. Aber unmissverständlich. 

Denn Selbstachtung zeigt sich nicht darin, wie viel man aushält.
Sondern darin, wo man sagt: "Bis hierhin - und keinen Schritt weiter."

Man versteht, man reflektiert, man ordnet ein. 
Und ja - man wird auch mal still und verdrückt vielleicht ein bis zwei Tränen, 
weil man nicht aus Stein ist.
Aber genau deshalb ist man nicht grenzenlos.
Man fühlt. Und man entscheidet trotzdem.

Auch ich kann viel aushalten, obwohl mir manchmal Empfindlichkeit vorgehalten wird. 
Ich bin mal leise, auch mal laut.
Aber ich lerne, bei mir zu bleiben - und genau deshalb versuche ich meine Grenze zu ziehen.
Nicht weil ich hart geworden bin, sondern weil ich mich selbst ernst nehme.
Und das ist vielleicht die leise, aber wichtigste Form von Stärke.

Alles andere?
Das geht wirklich gar nicht. 

 


 

 

 

 

 



Donnerstag, 26. Februar 2026

ICH KANN DAS.

 

 


 

Laut einiger meiner ganz wunderbaren Freundinnen und ein paar treuen Leserinnen war 
mein letzter Blogbeitrag der beste EVER...
Also nicht einfach gut.
Nicht solide.
Nicht "Ach, ganz nett!"
Sondern groooßartig, mich selbst über- und den berühmten Nagel auf den Kopf 
treffend, fantastisch und überhaupt...ich bin immer noch ganz gerührt ob all dieser mehr als höflichen Rückmeldungen!

Seitdem stehe ich allerdings unter literarischem Hochleistungsdruck.
Die Erwartungen sind jetzt astronomisch und die Latte liegt ungefähr auf Himalaya-Höhe.

Also, was tun?!
Ich werde... einfach Woll-Influencerin.

Das Häkel-Abenteuer begann unscheinbar und mit dem Kauf eines bunten Dreiecktuchs zu einem astronomisch hohen Preis. Immer öfter auf dieses viral gegangene Granny-Accessoire angesprochen, dachte ich mir: "Das kann doch nicht so schwer sein"! 
Und einige Profis behaupteten sogar: "Das ist total meditativ."

Obwohl seit der Schulzeit - die ja inzwischen nicht nur gefühlte Ewigkeiten her ist -, 
nie mehr eine Häkelnadel in der Hand gehabt, bestellte ich eine in Größe 5 und ein 
unschuldig aussehendes Wollknäuel.

MEDITATIV! 
Ich lache heute noch...

Was folgte, waren 50 YouTube-Tutorials für blutige Häkel-Anfänger. 
Fünfzig.
Ich habe in den letzten Wochen mehr Zeit mit geduldig lächelnden Häkel-Coaches verbracht 
als mit Familie und Freunden.

 



Anfangs sah mein Granny-Tuch aus wie ein emotional sehr instabiles Dreieck.
Die Kanten wellten sich wie meine Stimmung auf Espresso-Entzug. 
Die Maschen wirkten rebellisch, unangepasst und strukturell äußerst fragwürdig.

Aber: Ich blieb dran, aufgeben war keine Option.

Und jetzt?!

Inzwischen produziere ich mehr oder weniger makellos gleichmäßige, formstabile, 
fast beneidenswert harmonische Granny-Tücher.
Die Kanten?
Gerade wie meine Haltung, wenn ich mit ein bisschen Stolz in der Stimme sage: 
"Nein, ich brauche keine Anleitung mehr."
Die Farbverläufe?
Sinnlich, sanft, bunt und hochästhetisch.
Der Fall?
Fließend, elegant, schmückend und natürlich "intagrammabel".

Ich sage jetzt Dinge wie:
- "Das ist ein traumhaft weicher Alpaka-Mohair-Seide-Mix."
- "Die Spannung muss einfach stimmen."
- "Ich häkle nur noch mit ergonomischer Nadel."

Inzwischen besitze ich mehr Wollvorräte als ein mittelgroßer Handarbeitsladen... und der Lieblingsapotheker, zu dem ich vorzugsweise schicken lasse, fühlt sich wie der Mitarbeiter 
des Monats bei DHL... nur ohne die gelb-rote Jacke.
Meine Farbauswahl klingt wie eine Designer-Palette: 
Staubiges Rosé. Gedämpftes Salbei. Elegantes Petrol. Feuriges Lava-Fall.

Und das Beste?
Diese wunderbaren weichen, bunten und perfekt proportionierten Tücher entstehen aus 
einem dünnen, unscheinbaren und simplen Faden. 
Masche für Masche wird daraus etwas Großes. Etwas Wärmendes. Etwas Schmückendes.

Fazit...
Wenn also mein letzter Beitrag der Beste EVER war, dann ist dieser hier wenigstens 
der selbsbewussteste, farbintensivste und wollverliebteste.
Und falls ich zeitnah - selbstverständlich nur neben dem Leben als Autorin! - 
ein kleines, exklusives, streng limitiertes Granny-Tuch-Imperium gründe, sage ich natürlich 
ganz bescheiden: "Ach, ich hab einfach nur ein bisschen geübt", 
während ich innerlich ehrfürchtig flüstere: "Fünfzig Tutorials, Baby. Fünfzig!"

Denn erst fünfzig Tutorials später wusste ich endlich auch alles über Maschenspannung.
Und dass ein Aperol die Konzentration erstaunlich fördert.




 

Freitag, 6. Februar 2026

NICHT IRGENDWANN.

 

 

 

 

Gute Vorsätze macht man an Silvester. Sagt man. Mit Sektglas in der Hand, Konfetti im Haar und völlig unrealistischen Erwartungen an das eigene zukünftige Ich.
Dieses Ich joggt dann ab Januar täglich, isst nur noch Dinge mit Chiasamen und hat sein 
Leben spätestens bis Ende Februar komplett im Griff.

Ich habe lieber meinen 66.Geburtstag Ende Januar abgewartet.
Kein Feuerwerk, kein Countdown, kein Kater (doch ein klitzekleiner!) am nächsten Morgen - dafür Kuchen, Kaffee, später Aperol und Pasta und die beruhigende Gewissheit: 
Jetzt ist es auch egal. Oder gerade deshalb fast perfekt.

Mit 66 weiß man nämlich endlich, was nicht mehr funktioniert (Joggen zum Beispiel, schon gar nicht mit lädiertem Knie...siehe letzten Blogpost!)) und was völlig überschätzt wird (Chiasamen!).
Und man weiß vor allem: Gute Vorsätze müssen nicht schlank, sportlich oder instagramtauglich sein. Sie dürfen auch bequem sein, ehrlich, und vor allem: alltagstauglich. 

Meine guten Vorsätze beginnen also nicht mit "Ab morgen...", sondern mit 
"Wenn ich Lust habe...".
Das fühlt sich überraschend erwachsen an und könnte trotzdem wie nachfolgend aussehen...

Ich höre auf, mich kleinzumachen.
Dieses leise, höfliche, rücksichtsvolle, gut erzogene Kleinmachen.
Das vorsichtige Relativieren, das beschwichtigende, manchmal leicht debile Lächeln, das schnelle "Ist ja nicht so wichtig", obwohl es das sehr wohl ist.
Ich bin erstaunlich gut darin. Weltmeisterlich unauffällig.
Nie zu laut, nie zu klar, nie zu sehr ich selbst.
Nicht aus Angst, eher aus Gewohnheit. Und aus Rücksicht.
Und aus dieser merkwürdigen Idee, dass man angenehmer ist, wenn man sich ein bisschen zurücknimmt. 
Mit dem Ergebnis, dass ich mittlerweile so zurückgenommen bin, dass man mich glatt übersehen könnte. Sogar von mir selbst.

Ich höre auf, mich zu vergleichen. 
Dieses ständige, leise, nervige Messen.
Mein Innenleben gegen das Außenleben der anderen.
Mein Dienstag gegen deren Sonntag.
Vergleichen ist eine heimliche, hartnäckige, schlecht gelaunte Beschäftigung.
Man macht sie nebenbei, unauffällig, fast schon automatisch - und fühlt sich danach 
zuverlässig schlecht.
Früher dachte ich oft: Die anderen sind weiter. Souveräner. Gelassener.
Haben mehr Plan, mehr Glück, mehr Leichtigkeit.
Heute frage ich mich: Vergleiche ich mein Rohmaterial mit der Hochglanzversion der anderen? 
Das ist natürlich unfair. Und äußerst unerquicklich.
Außerdem übersehe ich beim Vergleichen etwas Entscheidenes: 
Niemand lebt mein Leben außer mir. Niemand trägt meine Geschichte, meine Umwege, 
meine Eigenarten.
Also bin ab jetzt ich meine Vergleichsgröße. Nicht perfekt, aber passend.
Ich kann's ja mal versuchen...

Ich höre auf, ständig Ja zu sagen. 
Dieses reflexartige, höfliche, vorsorgliche Ja.
Das Ja, das schneller kommt als der eigene Gedanke.
Ein Ja aus Gewohnheit, aus Harmoniebedürfnis, aus der diffusen Angst, sonst irgendwie schwierig, zu empfindlich und zickig rüberzukommen.
Ich habe lange geglaubt, ein Ja mache das Leben leichter. Tatsächlich macht es die 
To-do-Liste  nur länger. Und das eigene Leben kleiner.
Ein Nein dagegen ist erstaunlich klar. Kurz, ohne Begründungspflicht.
Kein Drama, kein Erklärungsbedarf, keine Fußnoten.
Andere können das!
Also, in Zukunft auch von mir öfter mal ein Nein. Nicht trotzig, nicht hart, nicht demonstrtiv. Einfach ehrlich. 
Und wahrscheinlich wird sich die Welt weiterdrehen.

Ich höre wieder auf mein Bauchgefühl. 
Mein Bauch, ob dick oder dünn, hatte fast immer recht. 
Er war nie laut. Er hat nicht gedrängt, nicht argumentiert, nicht diskutiert.  
Er hat sich nur leise gemeldet, wenn was nicht gestimmt hat.
Ich habe ihn lange und immer wieder überhört. Habe stattdessen analysiert, abgewogen, begründet, rationalisiert. Und mich später gefragt, warum sich etwas doch ziemlich falsch anfühlt, das doch so logisch klang.
Mein Bauch ist kein Romantiker, er ist mit 66 Jahren - leider nicht mehr ganz so straff! -, 
aber einfach erfahren. Hat mehr erlebt als mein Kopf und merkt sich all die Dinge, die sich 
nicht in Worte fassen lassen.
Also muss ich wieder lernen hinzuhören, nicht blind, nicht naiv, nicht impulsiv. 
Aber bitte ein bisschen aufmerksamer.

Ich lasse Menschen los, die auslaugen. 
Kennt Ihr die Gespräche, nach denen man sich fühlt wie ein leerer Akku?!
Die Treffen, nach denen man unbedingt und dringend mit einem köstlichen Aperol Spritz 
alleine sein muss?!
Ich war sehr lange und eigentlich immer loyal - manchmal zu lange.
Aber man muss auch loslassen können, nicht laut, nicht endgültig, auch nicht mit lautem Knall.
Eher mal leise, sachlich, mit innerem Kopfnicken und Zustimmung der Moral Marie.
Ich habe viel zu lange gedacht, man müsse aushalten, zuhören, loyal sein; 
Durchhalten sei eine Form von Charakter. 
Aber: Dauerhafte Erschöpfung ist kein Zeichen von Tiefe. Und Nähe darf sich doch nicht wie Arbeit oder Kampf anfühlen.
Loslassen ist also kein Versagen. Es ist eine Entscheidung für das, was bleiben darf.

Und ich warte nicht mehr auf den perfekten Moment. 
Der perfekte Moment hat mich lange hingehalten. Er wollte immer erst kommen, wenn 
alles passt: Mut, Klarheit, Timing, innere Ruhe, äußere Umstände.
Kurz gesagt: Er war bis jetzt sehr anspruchsvoll.
Also mache ich die Dinge jetzt. 
Nicht übermütig und spektakulär, sondern einfach dann, wenn sie sich richtig anfühlen 
(Memo an mein Bauchgefühl...)
Ich lasse natürlich nicht alles los.
Ich behalte Humor, Neugier und eine gesunde Portion Trotz.
Und die Freiheit, mir Wichtiges nicht mehr für später aufzuheben. 

Denn irgendwann ist kein Ort.
Und später kein Versprechen.

Also: Nicht irgendwann...bin ja nicht mehr die Jüngste!

 

 


 

 

Dienstag, 20. Januar 2026

AUSSER BETRIEB. UNFREIWILLIG...

...oder: Wenn Dich das Leben zu einer kleinen Pause zwingt.

 


 

Es begann wie ein ganz normaler Skitag. Perfekter Schnee, Sonne pur, ein bisschen Größenwahn, was soll schon passieren? Ein grummelndes Bauchgefühl nach dem üppigen Frühstück im schönen Berghotel wurde von meiner mitgereisten Moral Marie gekonnt ins Lächerliche gezogen.

Und dann kam sie. Von hinten. Mit Tempo. Eine Frau, die offensichtlich der Meinung war, 
die Piste sei eine vierspurige Autobahn ohne Tempolimit.
Zack...alles ging schrecklich schnell, es krachte wirklich furchtbar, Skier und ich flogen durch 
die Luft, plötzlich war es gespenstisch still und ich lag verdreht im Schnee. 
Die Frau - eine Engländerin - fuhr zwar nicht weiter, sondern redete auf mich ein, bot 
mir Wasser an, half mir hoch...und da ich so unter Schock stand, murmelte ich trotz stechendem Schmerz am Knie: "I am ok!", denn ich konnte verblüffenderweise ja nicht 
nur "fluently" englisch sprechen sondern auch stehen ohne wieder umzufallen. 
Dann konnte es ja nicht so schlimm sein...
Sie fuhr weiter, ich blieb zurück und kämpfte mich im Schneckentempo das letzte Stück 
Abhang runter...hin zu meinem Lieblingsapotheker, der natürlich, da der wesentlich bessere Skifahrer, schon ewig unten wartete... Dann erst verließ mich das Adrenalin und die Tränen flossen.

Um es kurz zu machen: Ich hatte Glück im Unglück!
Es ist wohl kein Band gerissen, weder im dicken Knie noch am nicht mehr taufrischen Oberschenkel, alles "nur" komplett überdehnt und offensichtlich viele kleine Risse, die mir 
so weh tun und das Laufen, aber vor allem das Hinsetzen und wieder Aufstehen als auch 
das Treppensteigen so beschwerlich machen.
Da liege ich jetzt also mit einer Bänderdehnung vom Feinsten und der Erkenntnis, dass 
das Leben manchmal sehr körperlich mit einem spricht.
"Pause", sagt mein Knie.
"Jetzt?", frage ich.
"Jetzt!", sagt das Leben.

Denn seien wir mal ehrlich: 
Auf "Du solltest Dich mal ein bisschen schonen" höre ich ungefähr so gut wie auf 
"Mach Dir nicht so viele Gedanken". Nämlich gar nicht. Also musste es offenbar etwas Deutlicheres sein. Etwas mit Salbe und Verband. Und Hochlegen. Kühlpads. Und Tabletten.

Seitdem sitze ich also hier. Bewegung auf Sparflamme. Treppensteigen wie ein Kleinkind. Termine abgesagt. Alltag entschleunigt. Heute morgen sogar mal Zeit für eine Kollagen-Maske und Augenpads genommen. Und natürlich ganz viel Espresso.
Und jetzt, bei Tasse Nummer drei, frage ich mich: Was will mir das Leben eigentlich sagen?

 

 


 

Vielleicht: Du musst nicht immer rennen. Nicht auf Skiern, nicht im Kopf, nicht durchs Leben.
Vielleicht auch: Es ist erlaubt, mal aus dem Rennen genommen zu werden, ohne gleich alles 
zu verlieren. 
Oder ganz pragmatisch: Hör endlich auf, immer alles gleichzeitig zu wollen.

Eine Bänderdehnung ist keine Tragödie. Sie ist eher ein freundlicher, aber bestimmter kleiner Klaps auf den Hinterkopf, nach dem Motto: Setz Dich. Atme. Schau mal aus dem Fenster. 
Die Welt dreht sich nämlich auch dann weiter, wenn Du gerade stillhälst.

Natürlich gibt es diese Momente, in denen man denkt: Das passt mir jetzt aber gar nicht. 
Genau jetzt hatte ich Pläne. Genau jetzt wollte ich aktiv sein. Genau jetzt habe ich keine Zeit 
für Schonung. Aber vielleicht ist jetzt genau der Punkt. Vielleicht ist Pause kein Gegensatz zu Leben, sondern ein Teil davon.

Und ja, ich habe kurz überlegt, ob ich diese Erfahrung spirituell deuten soll. 
Zeichen des Universums. Lernaufgabe. Wachstumsschmerz.
Aber vielleicht reicht ja auch eine einfachere Übersetzung nach dem Motto: 
Du bist kein Roboter. Dein Körper darf mitreden. Und manchmal muss er eben schreien, 
wenn Du sein Flüstern nicht hören willst.

Inzwischen bin ich fast, aber nur ein bisschen, dankbar. Nicht für den Unfall. Nicht für den doofen Schmerz. Aber fürs Innehalten. Für das langsamer Denken. Für das Beobachten. 
Für das Nichtstun, das sich erst falsch anfühlt und dann überraschend gut.

Also, was will mir das Leben sagen? Vielleicht nur das: Du darfst eine Pause machen, 
ohne sie immer rechtfertigen zu müssen.

Und falls auch Du Dich gerade fragst, warum Dich das Leben ausbremst: 
Vielleicht bist Du nicht falsch abgebogen. Vielleicht bist Du einfach kurz angehalten worden.

Mit hochgelegtem Bein. Und einem leisen Lächeln. 
Und immer wieder: Vielleicht... 

 

 


 

Sonntag, 11. Januar 2026

DIE JUNGEN JAHRE...

...geh'n schnell vorbei...

 

  

Das hat schon Peter Kraus im Januar 1959 im Duett mit Jörg Maria Berg als 
"Die James Brothers" gesungen. Wie recht er doch hatte...

Vor ein paar Tagen habe ich in behaglichster Runde den vor langer Zeit gedrehten Film 
eines Freundes mal wieder sehen dürfen. Super-8, leichtes Flackern, kein Ton, wilde 
Zooms und das leise Rattern im Kopf, das sofort sagt: Das ist lange her. 

Und dann: WIR!

Unfassbar jung. Unfassbar dünn. Unfassbar überzeugt davon, dass diese Frisur mit dem gefährlich hoch auftoupierten Pony eine gute Idee war, glatte Gesichter ohne Geschichte, 
Blicke ohne Ahnung davon, was noch kommt.

Wir stehen da wie selbstverständlich, lachen laut, winken völlig ungeniert in die surrende Kamera, tragen Klamotten, für die man heute entweder sehr mutig  oder sehr betrunken 
sein müsste. Extrabreite Schulterpolster, gewagte Dauerwellen, Jeans in Waschungen, 
die man gar nicht mehr benennen kann. 
Und wir? Fanden uns ziemlich cool. 

 

 


 

Was mich aber wirklich erwischt hat und immer noch nachwirkt, waren nicht die Outfits.
Es waren unsere Blicke. Dieses Selbstverständnis, mit dem wir nebeneinander stehen, 
an wild gedeckten Tischen sitzen, auf Rädern radeln, die heute keiner mehr freiwillig nutzen würde, dick belegte Brote essen - Kalorien, was ist das?! -, durcheinander reden oder 
Blödsinn machen, bis vor Lachen die nicht vorhandenen Bäuche weh tun.
Beste Freundinnen. Ohne Zweifel. Ohne Drama.
Ohne Kalenderabgleich drei Wochen im Voraus. Ohne Handy. Ohne viel Geld.

Wir hatten einfach viel Zeit. Und noch mehr Energie. Und dieses Gefühl, dass alles noch 
vor uns liegt. Dass wir uns niemals verlieren werden. Haben wir uns tatsächlich und zum 
Glück auch nicht!

Während der Film lief, habe ich oft gelacht. Und dann auch mal geschluckt. 
Weil mir klar wurde, wie gnadenlos ehrlich alte Aufnahmen sind. Kein Filter, kein Nachbessern, kein Löschen. Kein "Das lade ich lieber doch nicht hoch".
Nur wir, wie wir wirklich waren. Und wie wir aussahen. Mein Gott, wie wir aussahen! 

Und trotzdem - oder genau deswegen - war es so rührend.
Diese Erinnerung daran, dass wir einmal so "leicht" waren. Dass Freundschaft bedeutete: Einfach da sein, einfach mal klingeln, reinspazieren und bleiben.
Einfach gemeinsam an die Côte d'Azur fahren und völlig frei und "oben ohne" auf einem viel 
zu kleinen Handtuch an einem damals noch leeren Strand liegen...
Brigitte-Bardot-Feeling läßt grüßen.

Heute haben wir Lachfalten statt toupierte Ponyfransen. Rückenschmerzen statt 
Liebeskummer, klare Meinungen zu bequemen Schuhen und Gespräche über bessere Schlafqualität statt durchtanzter Partynächte.
Aber wenn ich diesen Film sehe, 40 Jahre später, weiß ich: 
Unser Fundament steht noch.
Vielleicht sind wir nicht mehr die Gleichen. Aber wir sind immer noch wir.

Und irgendwo auf einer alten Super-8-Filmrolle lachen ein paar junge Frauen, die keine 
Ahnung haben, wie wertvoll sie sich gerade sind.
Oder doch...wir wissen es! 
 

Und ich bin dankbar dafür, dass jemand damals auf "Start" gedrückt hat.